The Key – Zwischen Mysterium und harter Realität

Es wird wirklich Zeit, dass ich The Key einen langen Beitrag widme. Der interaktive VR-Film von Celine Tricart staubt einen wichtigen Preis nach dem anderen ab und behandelt ein überaus aktuelles Thema. Ich konnte ihn bereits sehen und hatte die großartige Gelegenheit mit der Regisseurin darüber zu sprechen.

Ein gut behütetes Geheimnis

The Key war neben Wolves In The Walls mein großer Favorit beim diesjährigen Tribeca Film Festival in New York, wo das neue Werk von Celine Tricart seine Weltpremiere feierte. Ganz falsch lag ich wohl nicht, denn dort hat es den Storyscapes-Wettbewerb gewonnen. Jedes Jahr konkurrieren dabei fünf ausgewählte VR/AR-Projekte um den Preis für das innovativste Storytelling.

Nun konnte The Key beim Filmfestival Venedig seine Europapremiere feiern – und auch gleich noch den kategorienübergreifenden Hauptpreis als beste immersive VR-Erfahrung mit nach Hause nehmen.

Celine Tricart zeigt dem Publikum ihren Löwen bei der großen Preisverleihung in Venedig. © La Biennale di Venezia
Celine Tricart zeigt dem Publikum ihren Löwen bei der großen Preisverleihung in Venedig. © La Biennale di Venezia

Was also macht The Key so besonders? Worum geht es? Eine Frage, die einfacher klingt, als sie ist. Der Inhalt von The Key sollte lange Zeit nicht verraten werden, zumindest nicht im Detail. Denn die Geschichte wird erst ganz am Ende des 15-minütigen VR-Filmes aufgelöst und sorgt damit für einen ziemlichen Überraschungseffekt. Das ist Teil des Konzeptes.

Doch spätestens seit dem Erfolg in Venedig ist das Mysterium endgültig gelüftet und ich kann ohne allzu schlechtes Gewissen darüber berichten. Wenn Ihr Euch die Überraschung bewahren wollt – die Erfahrung wird demnächst auch in den Oculus Store kommen – könnt Ihr trotzdem erst einmal weiterlesen: Über die Genese des Projektes und das Ende der Geschichte berichte ich erst auf einer versteckten zweiten Seite (den Link gibt es weiter unten im Text)…

Die Geschichte von The Key beginnt noch vor der Tür

Sie machen wirklich etwas her, die zwei großen Boxen von The Key. Beim Tribeca Film Festival waren sie noch ganz in Schwarz, hier in Venedig sind sie nun getreu des Ausstellungskonzeptes in Weiß gehalten. Bis auf kleine messingfarbene Schlüssel, die in mehreren Reihen an der Außenwand hängen, sind die Boxen vollkommen schmucklos gestaltet. Zwei Türen führen ins Innere.

Als ich vor einer dieser Türen warte, verspüre ich ein Kribbeln im Magen, so, als würde ich gleich in eine Geisterbahn einsteigen. Denn die Türen umhüllt ein nebulöses Geheimnis. Das meine ich durchaus wörtlich: Immer, wenn sich eine der beiden Türen öffnet, dringt aus dem Inneren der Box Kunstnebel und umhüllt die Füße der Wartenden. Das hat gleich zwei Effekte: Niemand kann durch die offene Tür ins Innere spähen. Und das Ganze fühlt sich an wie auf einer Theaterbühne.

Die Installation in Venedig. © VR Geschichten/ Pola Weiß
Die Installation in Venedig. © VR Geschichten/ Pola Weiß

Dieses Gefühl wird noch durch einen weiteren Trick verstärkt: Bereits vor der Tür legt mir eine der Mitarbeiterinnen einen Nackenlautsprecher über die Schultern. Das ist ein kabelloser Bügel, der sich an meinen Hals schmiegt und aus dem, kaum dass die Tür sich langsam öffnet und der Nebel herausquillt, Musik ertönt.

Niemand außer mir kann sie hören. Doch dadurch, dass ich keine Kopfhörer trage, kann ich nicht mehr unterscheiden, welche Töne aus den Lautsprechern an meinem Körper kommen und welches die Umgebungsgeräusche sind. Es fühlt sich an wie in einem Film, ich bin bereits mitten in der Geschichte.

Immersives Theater hilft beim Eintritt in die VR

Im Inneren der Box treffe ich auf eine alte Bekannte: eine Schauspielerin in einem weißen, langen Gewand. Es ist dieselbe junge Frau hier in Venedig wie schon beim Tribeca Film Festival und ich fühle mich sofort geborgen bei ihr. Mit großen Augen sieht sie mich an, aber ihre Lippen bleiben geschlossen. Aus dem Lautsprecher an meinem Nacken höre ich eine Stimme.

Sie heiße Anna, sagt die Stimme – und sagen die Augen der stummen Frau vor mir. Sie könne sich nicht an ihre Vergangenheit erinnern, doch immer wieder träume sie merkwürdige Dinge. Woher diese Träume kommen? Bitte, fleht sie, das müsse ich herausfinden.

Der Trailer: Anna wird von Alia Shawkat gesprochen.

Die Frau öffnet ihre Faust. In der Hand hält sie einen Schlüssel, in dessen Inneren ein mysteriöses Licht leuchtet. Solch einen Schlüssel soll ich finden, gibt sie mir noch mit auf den Weg. Dann setzt sie mir eine VR-Brille und Kopfhörer auf und gibt mir zwei Controller in die Hände.

Verloren zwischen Träumen und Erinnerungen

In der virtuellen Welt stehe ich in einem Zimmer. Es ist ein normales Zimmer mit einem Spiegel, einer Kommode, einem Sessel, einigen Bücherstapeln. Nach einer kurzen Zeit, in der ich mich umsehen kann, treffe ich auf drei kleine Gefährten. Es sind fliegende, bunte Bälle mit großen Kulleraugen und je eigenem Charakter. Die Stimme, Anna, stellt uns einander vor.

Die Gefährten bilden einen farbigen Kontrast zu meinem eigenen Körper, den ich im Spiegel sehen kann: Ein geisterhaftes Wesen mit schwarzem Körper, Händen ohne Finger und einem bleichen, haarlosen Kopf. Ein wenig wirke ich wie eine Puppe, die einem Kind genäht wurde.

Szene aus The Key: Das bin ich, zusammen mit zwei meiner Freunde. © Lucid Dreams Productions
Das bin ich, zusammen mit zwei meiner Freunde. © Lucid Dreams Productions

Plötzlich ist da ein Sturm und der Wind reißt alle Fenster meines Zimmers auf. Sachen fliegen umher und Annas Stimme klingt auf einmal panisch, als sie mir zuruft: „Rette die Gefährten!“. Ich versuche es, doch egal, was ich tue, ich kann immer nur zwei von ihnen in meine Hände nehmen. Da wird der dritte vom Sturm mitgerissen und aus dem Zimmer geschleudert.

Langsam verschwindet das Zimmer um mich herum, und ich trete ein in den nächsten Traum. Denn dort befinde ich mich: in Annas Träumen. In ihnen kommen einäugige Schurken vor und gebeugte Gestalten, mit denen ich in einer endlosen Schlange ausharren muss. Es werden Stempel auf Dokumente geknallt, Monster trachten mir nach dem Leben und meine verbliebenen beiden Gefährten werden einer nach dem anderen von mir gerissen. Doch irgendwann, irgendwann finde ich den Schlüssel. Anna erinnert sich.

Ein neuer Stil: Die Wasserfarben-Optik

Als ich wieder aus der VR-Welt erwache und meine VR-Ausrüstung abgegeben habe, befestigt die Schauspielerin einen der kleinen, messingfarbenen Schlüssel an meinem Festival-Ausweis. Fortan wird er ein Erkennungszeichen zwischen uns Festival-Besuchern sein: „Hast Du The Key schon gesehen? Dann können wir ja drüber sprechen…“

Bei solchen Gesprächen, einem vorsichtigen Austausch in einer ruhigen Ecke, immer darauf bedacht, dass nur niemand lauscht, höre ich viel Lob. Doch manchmal mischt sich auch leise Kritik darunter, oft bezieht sie sich auf die Grafik. Zu einfach sei sie, zu zweidimensional. Es scheint, als teile sich das Publikum auf in Skeptiker und Fans von The Key, wobei ich mich klar zur zweiten Gruppe zähle.

Das Haus schwebt zwischen Wasserfarben-Wolken. © Lucid Dreams Productions
Das Haus schwebt zwischen Wasserfarben-Wolken. © Lucid Dreams Productions

Celine, mit der ich mich in Venedig zu einem von mir langersehnten Interview treffen konnte, erklärte mir die Entstehung so:

Irgendwann musste ich einen Stil finden. Da wären ganz viele verschiedene Stile möglich gewesen. Aber ich mochte schon immer Wasserfarben – und Schlichtheit. Ich denke, dass Einfaches in VR am besten funktioniert. Einige meiner liebsten VR-Erfahrungen wie Vestige oder Dear Angelica sind wunderschöne Kunstwerke, aber sie sind sehr schlicht.

Das haben wir auch versucht. Mein 3D-Artist, Claira Aran, ist wirklich wunderbar. Ich bin selbst keine Künstlerin [sie lacht], also habe ich zu ihr gesagt: ‚Ich will, dass es wie Wasserfarben aussieht‘ und ‚ich will einen hellen Wasserfarben-Himmel mit einem dunklen Vordergrund.‘ Es gab viel Hin und Her und hat eine Weile gedauert, bis wir unseren Stil gefunden hatten.

Und der ist einzigartig geworden. Das Verschwommene, das Undefinierte in The Key betont, wie metaphorisch die Erlebnisse sind. Farbenfrohe Umgebungen kontrastieren die schwarz-weißen Szenen, die puppenhaften Gestalten. Das Furchtbare erscheint so noch bedrohlicher.

The Key vereint eine lineare Geschichte mit kleinen Interaktionen

In Venedig ist die VR-Ausstellung unterteilt in lineare und interaktive Projekte. In der zweiten Wettbewerbs-Kategorie, der interaktiven, lief auch The Key. Aus meiner Sicht ist die Einteilung von Venice VR missverständlich, denn der VR-Film über Anna und ihre Träume ist ein weiteres Beispiel für eine interaktive VR-Erfahrung mit einer dennoch streng linear erzählten Geschichte.

Für Celine Tricart ist es das erste Projekt in Roomscale VR und mit Interaktion. Sie kommt vom Film, wo sie als Kamerafrau an einigen großen Produktionen beteiligt war. Auch hat sie bereits an mehreren 360-Grad-Projekten mitgewirkt und darüber geschrieben: Ihr Buch findet Ihr in meinen VR Links.

Im Zimmer treffe ich auf "Red", einen der drei kleinen Gefährten von Anna. Er wird auch mein Freund, ebenso wie "Yellow" und "Blue". © Lucid Dreams Productions
Im Zimmer treffe ich auf „Red“, einen der drei kleinen Gefährten von Anna. „Red“, „Yellow“ und „Blue“ werden meine Freunde. Mit ihnen kann ich auch interagieren. © Lucid Dreams Productions

The Key spielt in der ersten Person. Ich kann ganz „ich“ sein und werde nicht in eine mir unbekannte Rolle versetzt, was Celine sehr wichtig war. Die Geschichte ist mystisch, die symbolhaften Umgebungen nehmen mich mit jedem Traum, so nennt Celine die einzelnen Szenen, mehr in ihren Bann. Es sind Metaphern, die ich nicht so recht verstehe. Und doch erlebe ich die gesamte Bandbreite an Emotionen – von Beklemmung und Angst über Freude und Erleichterung.

Trotzdem: Meine Interaktionen können nicht viel bewirken. Ab und zu greife ich nach etwas oder nehme ein Objekt entgegen. Doch weder habe ich die Macht die Geschichte zu verändern, noch Anna wirklich zu helfen. Sie kommt, so zumindest mein Gefühl, völlig allein auf die Lösung. Celine, der gegenüber ich diese Bedenken äußerte, erklärte es mir so:

Du führst sie, du hilfst ihr, die Träume zu ergründen. Jeder Traum fügt ein kleines Teil zum Puzzle hinzu bis zum letzten Traum, in dem sie dann schließlich alles zusammenfügt in ihrem Kopf und sagt: ‚Jetzt erinnere ich mich.‘ Ohne dich gelänge das nicht. Indem du ihre Träume durchläufst, entschlüsselst du die Geschichte für sie.

Da ist es wieder, dieses alte Spannungsfeld aus Interaktivität und Dramaturgie. Wenn dem Publikum allzu viel Handlungsspielraum und Agency gelassen wird, kann die Emotion, die Tiefe der Geschichte, darunter leiden (mehr dazu hier).

The Key hat eine eigene Lösung dafür gefunden: Wie bei der visuellen Gestaltung setzt Celine Tricart auch in puncto Interaktion ganz auf Schlichtheit. So finden sich auch Nicht-Gamer intuitiv und schnell zurecht. Meist reicht schon die Berührung eines virtuellen Objekts aus, um die Geschichte weiter voran zu bringen.

Wollt Ihr mehr über die Entstehung und die Hintergründe von The Key erfahren? Dann lest auf dieser versteckten Seite die Fortsetzung (Achtung, Spoiler).

The Key wird spätestens Anfang 2020 veröffentlicht

The Key entstand im VR For Good-Programm von Oculus. Mehr darf ich nicht darüber schreiben, sonst würde ich das Ende verraten, das eng mit der Entstehung verknüpft ist. Die Auflösung des VR-Films ist schon ein wenig plakativ, dennoch überrascht sie.

Schlüssel verzieren die Außenseite der Installation beim Tribeca Film Festival. © VR Geschichten/ Pola Weiß
Schlüssel verzieren die Außenseite der Installation beim Tribeca Film Festival. Was hat es nur damit auf sich…? © VR Geschichten/ Pola Weiß

Laut Celine soll die VR-Erfahrung Ende diesen oder zu Beginn nächsten Jahres im Oculus Store kostenlos bereitgestellt werden, ein genaues Datum ist noch nicht bekannt. In Venedig habe ich die Erfahrung bereits auf einer Oculus Quest gesehen, insofern ist anzunehmen, dass sie auch für Quest-User verfügbar sein wird.

Allerdings in einer etwas anderen Version als in der Installation in Venedig, wie mir Celine erzählt. Dies betrifft den Anfang und das Ende der Erfahrung, die dem Festival-Publikum durch die Schauspielerin und mittels Bilder an den Wänden der Box erzählt werden. Diese Informationen müssen in VR auf andere Weise dargestellt werden. Denn die Leute hätten schließlich keine Schauspieler zuhause, sagt Celine noch und lacht.

Dann ist es Zeit für mich zu gehen. Der kleine Schlüssel klimpert beim Laufen an meinem Festival-Ausweis. Ich werde mich bestimmt erinnern.

Hier geht es zur super geheimen Seite, auf der Ihr mehr zur Entstehung des Projektes finden könnt und den Rest des Interviews mit Celine Tricart (Achtung, Spoiler).

Dieser Artikel erschien zuerst in einer etwas gekürzten Version auf Mixed.de.

Veröffentlicht von Pola Weiß

#Diplom-Psychologin #Filmtante #Kino-Binge-Gängerin #Fernseh- und Online-Redakteurin ## Ich liebe gut erzählte Geschichten, egal wo. Während meiner spannenden Arbeit als Medienarbeitsbiene (u.a. für SWR und arte) bin ich auf die unglaubliche Welt von Virtual Reality gestoßen. 2017 habe ich schließlich VR Geschichten gegründet und entdecke seitdem von Berlin aus die unendlichen VR Weiten.

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