Wie The Great C den VR-Film revolutionieren kann

Bei Venice VR waren gleich mehrere hochkarätige VR-Filme zu erleben. Sie beweisen, dass narrative Werke durchaus das Zeug haben, als eigenständiges Genre in Virtual Reality zu bestehen. Im Wettbewerb zeigte neben Lucid auch The Great C, die Verfilmung einer Kurzgeschichte von Philip K. Dick, welch großes Potential vor allem im VR-Animationsfilm steckt. Ich hatte die großartige Gelegenheit, mit Regisseur Steve Miller darüber zu sprechen.

Wenn mir Venedig eines ganz deutlich gezeigt hat, dann ist es das: Filmische VR-Erfahrungen sind nicht nur immer aufwendiger produziert und länger, sondern sie werden auch mutiger. Peu à peu entwickeln sie ihre eigene Sprache und haben so eine immer größere Chance, neben der großen Konkurrenz der VR-Games ihr Publikum zu finden. Ganz besonders gilt das für die Animationsfilme.

Vor dem allmächtigen Supercomputer © Secret Location
Klassische Methoden aus Kino und Film treffen auf Virtual Reality: The Great C ist nur eines von mehreren Beispielen bei Venice VR 2018. © Secret Location

Animationsfilme bei Venice VR

Dabei nutzen sie sowohl klassische, filmische Mittel als auch neue Ideen. Und es wirkte: In Venedig rührte mich das Drama Lucid zu Tränen. Der neue Film der Baobab-Studios Crow: The Legend brachte mich fast durchgehend zum Lachen und ließ mich mit wilden Wedel-Bewegungen interaktiv an der Reise zu Der, Die Alles Mit Gedanken Erschafft (ja, das ist ihr Name) teilnehmen. Und der Actionfilm The Last One Standing aus China baute in eine lange Verfolgungsjagd jede Menge Effekte wie Slow Motion ein.

Das Punkrock-Abenteuer Battlescar nutzt Mittel aus Theater und Musik, um gekonnte Übergänge zu schaffen. Die Penrose-Studios haben gleich eine ganz eigene Sprache mit ihren Miniatur-Welten erschaffen. Deren mitreißende Geschichte Arden’s Wake: Tide‘s Fall trumpft mit Stimmen von Hollywood-Stars und Unterwasserwelten auf (mehr über beide hier).

Während die letzten beiden in Venedig außer Konkurrenz liefen, konnte The Great C dort seine Weltpremiere feiern. Der 30-minütige Roomscale VR-Film wurde produziert vom Content Studio Secret Location, das 2015 für seine Sleepy Hollow VR Experience bereits einen Emmy gewinnen konnte.

In The Great C übernimmt ein Computer die Herrschaft

In The Great C geht es um die junge Clare und ihren Liebsten. Beide leben in einer post-apokalyptischen Welt, in einer Stammesgemeinschaft, und folgen deren Traditionen und Ritualen. Die Zivilisation, wie wir sie kennen, wurde vor langer Zeit zerstört. Nun herrscht ein super-intelligenter Riesen-Computer mit dem bezeichnenden Namen Der Große C über die verbliebene Menschheit.

Eines Tages fliegen unheimliche Raben in das Dorf und wählen unter den Bewohnern einen der jungen Männer aus. Denn wie in jedem Jahr fordert der Große C ein Opfer, damit er die Dorfbewohner weiterhin verschont. Tragischerweise berufen die Raben Clares frisch angetrauten Ehemann für den Gang zum Großen C, von dem noch nie jemand zurückgekehrt ist. Nun muss sich das Paar entscheiden: Unterwerfen sie sich dem Willen des allmächtigen Computers oder wollen sie für ihre Liebe kämpfen?

The Great C © Secret Location
Als Clares Liebster für die diesjährige Pilgerfahrt zum Großen C auserkoren wird, bricht für beide eine Welt zusammen… © Secret Location

Dabei wirft die literarische Vorlage – ganz Philip K. Dick typisch – große, philosophische Fragen auf und lässt viel Raum für Interpretationen. Welche große Katastrophe ist in der Vergangenheit passiert? In der Kurzgeschichte wird das allenfalls kurz angedeutet.

Regisseur Steve Miller, der mir während des Festivals ein Interview gab, hat darüber viel nachgedacht:

„Man kann eine Geschichte ja immer auf verschiedene Weise verstehen. Ich habe sie so gelesen: Hat der Große C es wirklich getan? Ist er wirklich so bösartig und hat alles zerstört – oder haben die Menschen sich das vielleicht selbst angetan? Dann wäre der Computer wie die Menschen in einer Art Überlebensmodus. Während sie in ihren Traditionen gefangen sind, ist auch der Große C auf seine Art gefangen und hat das System errichtet, um sich selbst zu schützen.“

Mit viel Freude am Experimentieren

Anders als die nur knapp 20 Seiten lange Geschichte von Science Fiction-Altmeister Philip K. Dick aus dem Jahr 1953 scheint der Film diese Frage zunächst sehr eindeutig zu beantworten. In den ersten Minuten erhaschen die Zuschauer einen dramatischen Blick auf die ferne Vergangenheit: Eine Gehilfin des Supercomputers, eine furchterregende Gestalt mit todbringenden Tentakeln, richtet ein Massaker unter den Menschen an.

Damit ist die Welt für immer verändert, ein Ausweg aus der Situation scheint aussichtslos. Den Charakter der Tentakel-Frau und ihre unheilbringende Schar aus schwarzen Raben hat das Secret Location-Team übrigens hinzu erdacht. So machten sie es Clare und ihrem Mann umso schwerer, ihrem Schicksal entgegenzutreten.

 „Wir wollten sehr starke Gründe dafür liefern, warum man sich dem Great C eher nicht entgegenstellen sollte. Und selbst als die Hauptpersonen im Verlauf ihrer Reise beschließen, auszubrechen, gibt es ja – ohne jetzt zu viel zu verraten – Konsequenzen. Man muss eine Menge Barrieren durchbrechen und auch innere Widerstände bezwingen, um all das zu tun.“

The Great C und die Tentakelfrau © Secret Location
Der Große C, eine mächtige künstliche Intelligenz, beherrscht die verbleibende Menschheit. Seine grausame Gehilfin sorgt dafür, dass niemand sich dem Computer widersetzt. © Secret Location

Tatsächlich ging das Team von The Great C sehr offen an die Kurzgeschichte heran und probierte viele Dinge aus. Auch die Erben des Philip K. Dick Vermächtnisses hatten sie ermutigt, zu experimentieren. So entstand auch die sehr besondere, graphische Gestaltung des Großen C und seiner willigen Gehilfin. Die schwarzen Fangarme, die sich so sonderbar bewegen und verformen, seien inspiriert von Ferrofluid (eine schwarze Flüssigkeit, die auf magnetische Felder reagiert), erklärte mir Steve auf meine Nachfrage hin. Ich fand es sehr interessant, dass sie dem Computer solch ein organisches Äußeres verpasst hatten.

Doch das Experimentieren mit der visuellen Ausgestaltung zeigt nur einen Teil der großen Kreativität, mit der Secret Location sich der Aufgabe annahm. Zu Beginn hatte das The Great C-Team sogar geplant, die VR-Adaption interaktiv zu gestalten. Im Zentrum der literarischen Vorlage steht eine Szene mit einem Frage-Antwort-Spiel zwischen dem Supercomputer und dem jungen Auserwählten. Diese Frage-Antwort-Mechanik wollten sie aufgreifen und neben anderen interaktiven Elementen in die VR-Erfahrung einbauen. Doch die Prototypen seien recht intellektuell und emotional wenig erfüllend gewesen, so Steve. Deshalb verwarfen sie diese Option zugunsten einer rein linear erzählten Narration:

 „Also haben wir uns gesagt: Lasst es uns versuchen und die Chance nutzen, filmisch dranzugehen. Es auf den Punkt zu bringen mit diesen verrückten Welten aus Philip K. Dicks Geschichten und Romanen. Verwenden wir das und zeigen damit den Reichtum des VR Mediums.“

Wie bringt man das Publikum dazu, der Geschichte zu folgen?

Produzent Luke Van Osch erzählte dem Magazin Variety, dass sie auch ein interaktives Szenario hatten, in dem die Zuschauer selbst die Perspektive und den Kamerawinkel wählen konnten. Zwar ließen sie auch diese Idee fallen, da es die Zuschauer zu sehr ablenkte. Allerdings übernahmen sie viele der ungewöhnlichen Kameraperspektiven in die finale Filmfassung.

Ein sehr intimer Moment zwischen Clare und ihrem Mann. Die Kamera ist erstaunlich nah dran. The Great C © Secret Location
Ein sehr intimer Moment zwischen Clare und ihrem Mann. Die Kamera ist erstaunlich nah dran. © Secret Location

Herausgekommen ist ein VR-Werk, das Schnitte und Kamerabewegungen aus dem klassischen Film in VR überträgt – und das durchaus gewagt. Ausschlaggebend dafür war, so erklärte mir Steve, dass sie die Zuschauer stärker durch die Geschichte führen wollten. Die können es sich bequem machen und müssen sich nicht die ganze Zeit umschauen:

“Wir hoffen, dass wir damit eine eigen Nische erschaffen können, wo das Publikum weiß: ‚Ich bekomme hier etwas präsentiert und muss keine Angst haben, dass ich etwas verpasse oder dass sie etwas hinter mir verstecken.‘ Wir versuchen, dem Publikum eine Geschichte zu erzählen und nutzen das VR Medium dafür, damit es noch immersiver wird.“

Diesen Punkt finde ich sehr spannend. Denn interessanterweise spielte die Sorge, das Publikum nicht mehr genügend dirigieren zu können, auch in meinem Gespräch mit David Kaskel von Breaking Fourth eine große Rolle. Sein VR-Film Lucid kämpft auf seine eigene Art dagegen an, dass sich die Zuschauer zu sehr von der Umgebung ablenken lassen und der Geschichte nicht mehr folgen.

Das Lucid-Team nutzt dafür keine ausgeklügelten Schnitttechniken oder Kamerafahrten (auch wenn ein paar Bewegungen bei Lucid stattfinden, so sind sie doch viel subtiler als in The Great C). Stattdessen setzt Lucid ganz auf das emotionale Thema, den Moment, wenn es die Zuschauer packt und sie mit den Hauptpersonen mitfühlen. Ich denke, beides sind sehr gute Mittel.

Innovative Montage und Kamerabewegung

Insbesondere Kamerafahrten werden in The Great C gekonnt eingesetzt. Sie tragen damit entscheidend zur dramatisch erzählten Handlung bei – etwas, das aufgrund der gefürchteten Motion Sickness noch bis vor Kurzem unmöglich schien und nur selten zu sehen war. Doch die mittlerweile deutlich verbesserten Headsets gaben dem Team von Secret Location den Raum zum Experimentieren. So kreist die Kamera – und mit ihr die Zuschauer in den VR-Brillen – in einer Szene um das Liebespaar, das in einem stillgelegten Restaurant eine Pause macht und zu Abend isst. Das geschieht sehr langsam und fast unbemerkt und führt die Zuschauer nahe an einen intimen Moment zwischen Clare und ihrem Mann heran.

Auch in Punkto Montage finden sich in The Great C Schnitttechniken, die aus dem klassischen Film stammen und die ich so in VR nicht für möglich gehalten hätte. Während ich meine Probleme mit Cut Ins-hatte, dem Wechsel von einer entfernten Einstellung auf eine sehr nahe, so funktionierte der umgekehrte Weg, die Cut-Outs, in vielen Fällen ausgezeichnet. In besonderer Erinnerung ist mir diese Szene geblieben: Den Höhepunkt des Filmes stellt eine meisterhaft zusammengestellte Parallelmontage dar. Im Wechsel zwischen zwei Szenen, die noch dazu in verschiedenen Zeiten spielen, sah ich atemlos zu, wie Clare ihre finale und wichtigste Entscheidung treffen muss.

The Great C beweist Mut und Kreativität

Das Ergebnis der intensiven Arbeit von Secret Location ist ein 30 Minuten langer VR-Abenteuerfilm in Roomscale-VR, der die Zuschauer ungewohnt stark an die Hand nimmt und durch die Geschichte führt. Selbst wenn mich einige Schnitte aus der Geschichte gerissen oder mich etwas desorientiert zurückgelassen haben, selbst wenn ich mir bisweilen mehr Freiheiten gewünscht hätte, um mich umzusehen oder gar umherzugehen – viele Momente gelingen wirklich ganz hervorragend. Und das war für mich dann doch recht überraschend.

Gerade deswegen ist The Great C ein Lehrstück und zeigt, wann klassische Film-Techniken in Virtual Reality angewandt werden können und wo sie an ihre Grenzen stoßen. The Great C demonstriert, was zukünftig in VR möglich sein wird und gibt allen Kreativen eine wichtige Botschaft mit auf den Weg: Wir müssen nur mutig genug sein, es einfach mal auszuprobieren.

Ich freue mich deswegen sehr auf weitere Experimente aus dem Hause Secret Location.

UPDATE November 2018: Endlich könnt ihr The Great C auch selbst sehen, und zwar für HTC Vive und Oculus auf Steam, Viveport und im Oculus Store. Für die Playstation VR soll er noch kommen.

Dieser Artikel erschien ursprünglich in einer ersten, kürzeren Version auf Deutsch bei VRODO.de.

Veröffentlicht von Pola Weiß

#Diplom-Psychologin #Filmtante #Kino-Binge-Gängerin #Fernseh- und Online-Redakteurin ## Ich liebe gut erzählte Geschichten, egal wo. Während meiner spannenden Arbeit als Medienarbeitsbiene (u.a. für SWR und arte) bin ich auf die unglaubliche Welt von Virtual Reality gestoßen. 2017 habe ich schließlich VR Geschichten gegründet und entdecke seitdem von Berlin aus die unendlichen VR Weiten.

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