Anvio in Berlin: Mit Lost Sanctuary Deluxe auf Entdeckungsreise

Berlin entwickelt sich mehr und mehr zum Paradies für VR-Arcade-Fans. Ich zähle mich dazu, denn seit ich klein bin, träume ich vom Holodeck und seinen unendlichen Möglichkeiten. Deswegen habe ich mich sehr gefreut, als die Einladung von Anvio in mein Postfach flatterte: seit Anfang September ist die neue VR-Spielehalle in Berlin eröffnet und wir durften ein Spielchen wagen. Ausgesucht haben wir uns Lost Sanctuary Deluxe.

Location-based Virtual Reality im Berliner Westen

Am Adenauerplatz in Charlottenburg erwartet man nicht unbedingt State-of-The-Art-Technik. Tja, da sollten wir eines Besseren belehrt werden. Wir? Da alleine spielen nicht so viel Spaß macht und das Spielerlebnis sich schlechter einschätzen lässt, habe ich mir Verstärkung mitgebracht: Der Liebste, der allerhand VR-Schabernack mit mir durchstehen muss, trottet an diesem sonnigen Vormittag mit einem Kaffee in der Hand und müdem Gesicht hinter mir her.

In der Brandenburgischen Straße Ecke Kurfürstendamm. © VR Geschichten/ Pola Weiß
Der Eingang in der Brandenburgischen Straße Ecke Kurfürstendamm. © VR Geschichten/ Pola Weiß

Als wir die brandneue Arcade des russischen Startups Anvio betreten, steigt unsere Vorfreude: Um uns herum im Eingangsbereich sind die Wände bemalt mit Astronauten und anderen Charakteren aus den Anvio-Spielen. Denn wie Exit VR, über dessen Huxley-Abenteuer ich vor Kurzem berichtet habe, produziert auch das Team von Anvio eigene Inhalte. Aktuell sind dies vier Spiele, die man mit bis zu vier Freund*innen spielen kann.

Darunter sind zwei Zombie-Shooter und ein Weltraum-Horror-Abenteuer (bei dem man aber auch zur Waffe greifen muss, um zu überleben). Da ich mich schrecklich vor Zombies fürchte, überhaupt nicht gerne schieße und Monster aus dem All noch viel gruseliger als Zombies finde, blieb nur eine Option: Lost Sanctuary Deluxe, das vierte und familienfreundliche VR-Spiel bei Anvio.

Anvio setzt auf Free-Roam VR und vollen Körpereinsatz

Egal, für welches Spiel man sich entscheidet: Erst muss die Technik angelegt werden. Wie auch in anderen VR-Arcades ist das erst einmal ein Rucksack-PC, der vollständige Bewegungsfreiheit in einem der beiden rund 100 Quadratmeter großen Räumen, den sogenannten Arenen, garantiert.

In den Arenen wartet die technische Ausrüstung auf mutige Spieler*innen. © VR Geschichten/ Pola Weiß
In den Arenen wartet die technische Ausrüstung auf Held*innen. © VR Geschichten/ Pola Weiß

Gleich zwei freundliche Game-Master helfen uns beim Anlegen und schnallen uns zusätzlich je zwei Tracker an Hand- und Fußgelenke. Dadurch, dass Arm- und Beinbewegungen nun durch die Tracker von dem VR-System erfasst werden, müssen wir keine der klassischen Controller mehr in den Händen halten. Anvio nennt das „Full-Body-Experience“.

Je nach Spiel können spezielle Controller aber trotzdem noch zum Einsatz kommen: Während ich mit meiner VR-Brille auf dem Kopf herum hantiere, betrachtet der Liebste sehnsüchtig eines der Plastik-Gewehre an der Wand (und wirkt gleich sehr viel wacher). Sie kommen bei den Shooter-Spielen zum Einsatz: Während man die Spielzeugwaffe in den Händen hält, wird eine virtuelle Variante davon in der VR gezeigt. Das steigert die Immersion.

Bei uns bleiben die Waffen allerdings an der Wand hängen, denn Lost Sanctuary Deluxe ist shooter-frei. Ich freue mich, doch der Gatte wirft noch einen wehmütigen Blick zurück. Dann setzen wir unsere Brillen auf und fliegen nach Mexiko.

Die Avatare sind dank Trackern an Füßen und Händen voll bewegungsfähig. © Anvio
Eine Szene aus Lost Sanctuary Deluxe: Die Avatare sind dank Trackern an Füßen und Händen voll bewegungsfähig. © Anvio

Lost Sanctuary Deluxe: Die letzten Azteken von Aztlán

Wir sind zwei Schatzsucher und sollen eine Höhle erkunden. Leider dürfen wir uns unsere Avatare nicht selbst aussuchen, aber wir können uns gegenseitig in VR sehen und miteinander sprechen. Dank der Tracker an den Füßen haben unsere virtuellen Körper richtige Beine, die sich beim Laufen manchmal lustig verdrehen.

Nachdem wir ein wenig mit unseren Gliedmaßen herumgealbert haben, widmen wir uns unserer Mission: der Höhle. Darin finden wir eine alte Maske, die, kaum haben wir sie kurz berührt, zum Leben erwacht. Die Maske sei, so erzählt sie uns, einst ein Hohepriester gewesen in der legendenumwobenen Aztekenstadt Aztlán.

Wir müssen ihr nun helfen und sie zurück in die verborgene Stadt bringen. Das lassen wir uns natürlich nicht zweimal sagen und beginnen mit den ersten Aufgaben. Hier zeigt sich schnell, dass Lost Sanctuary Deluxe ein Familien-Spiel sein will: Was von uns verlangt wird, ist einfach zu bewerkstelligen, es geht weniger ums Verstehen und mehr um das Erkunden.

Je länger wir spielen und uns von Raum zu Raum weiterbewegen, desto herausfordernder sind die Aufgaben. Wirklich knifflig werden sie aber nie, und falls doch, würde unser Game-Master uns jeder Zeit mit einem Tipp aushelfen können. Die Rätsel bringen die ein oder andere schöne Spielidee mit, die ich so noch nirgendwo gesehen habe.

Eine hübsche Geschichte in nur 30 Minuten

Lost Sanctuary Deluxe setzt aber trotzdem weniger aufs Knobeln und mehr auf das visuelle Erleben: Als wir auf einem Aufzug durch eine riesige Höhle fliegen, unter uns die ersten Ruinen der alten Aztekenstadt, steht uns vor Staunen der Mund offen. Das ist wunderschön und kommt einem Holodeck schon ziemlich nahe.

Schöne Unterwasser-Welt bei Lost Sanctuary Deluxe. © Anvio
Unterwasser-Paradies: Die Welt von Lost Sanctuary Deluxe bietet mehrere solcher Wow-Momente. © Anvio

Inhaltlich hat die Geschichte viel Charme und macht Spaß. Unsere Begleitung, die Maske, führt uns Stück für Stück hindurch und weist uns immer wieder auf die eigentliche Mission hin – so können wir uns gar nicht erst in den Einzelaufgaben verlieren.

Dennoch fehlt der letzte, dramaturgische Schliff, was vor allem am Ende liegt. Dieses ist recht abrupt und nicht so spektakulär wie der Spielverlauf erhoffen lässt. Auch bleiben – ohne hier zu viel verraten zu wollen – ein paar Fragen offen. Das mag vor allem an der doch verhältnismäßig kurzen Spieldauer liegen: Es ist schwer, in nur 30 Minuten eine runde und vor allem interaktive Geschichte zu erzählen.

Schwindelfrei sillte man schon sein, sonst klammert man sich wie ich an die Mitspieler. © Anvio
Schwindelfrei sollte man schon sein, sonst klammert man sich wie ich an die Mitspieler. © Anvio

Bei Anvio geht es ums Erleben

Auch bei Anvio hatten wir mit einigen Trackingproblemen zu kämpfen, die aber behoben wurden. Besonders gefallen hat uns der große Raum, in dem wir uns absolut frei bewegen konnten. In der Mitte der Halle steht eine Säule, die im Spiel und in der virtuellen Welt aber immer ausreichend berücksichtigt wird – mal befindet sich an der Stelle ein Teich, mal ein paar Steine… Wir sind lediglich einmal gegeneinander, aber nie in die Säule oder in eine Wand gelaufen.

Die Anvio-Abenteuer können aktuell mit bis zu vier Spieler*innen, die sich alle in der selben Arena befinden, erlebt werden. Die Aufgaben bei Lost Sanctuary Deluxe sind aber so konzipiert, dass man die Puzzles auch alleine lösen könnte und nicht auf die Mithilfe der anderen Schatzsucher*innen angewiesen ist. Das ist auf der einen Seite sehr schade, doch dieser Spielaufbau ermöglicht eben auch – anders, als bei vielen anderen Arcades – ein Spiel alleine.

Im Vergleich dazu setzen die Huxley-Erlebnisse auf sehr viel mehr Zusammenarbeit. Ihnen ist deutlich anzumerken, dass mit Exit VR eine Firma dahinter steht, die aus dem Escape Room-Bereich kommt. Der Puzzle-Anteil ist höher und die Aufgaben komplizierter, was genau das Richtige für Fans von Knobelspielen und Live Escape Games sein dürfte.

© Anvio
Die Spiele von Anvio kann man alleine spielen, mehr Spaß macht es aber sicherlich zu mehreren. © Anvio

Anvio spricht hingegen eine andere Zielgruppe an: Gamer und Action-Fans, die mehr noch den Wow-Effekt bei Virtual Reality suchen und weniger (um die Ecke) denken wollen. Damit ist zumindest Lost Sanctuary Deluxe auch super für VR-Anfänger geeignet.

Mehr Arcades, mehr Spiele

Anvio plant bereits eine Erweiterung der Spiele auf bis zu acht Personen, die dann auf die beiden Arenen aufgeteilt werden. Ob das an der Spielmechanik noch etwas ändern wird, werden wir abwarten müssen.

Und auch sonst setzt Anvio ganz auf Wachstum: Nach dem ersten Streich in Berlin will das 2016 in Moskau gegründete Startup noch weitere Spielehallen in Deutschland aufmachen. In insgesamt neun Ländern ist das Unternehmen bereits vertreten, auch nach Asien will es expandieren.

Normale Zombies waren gestern! In City Z verteidigt das Team die Metropole Moskau gegen einen Zombie-Supermutanten. © Anvio
Normale Zombies waren gestern! In City Z kämpft das Team gegen einen Zombie-Supermutanten. © Anvio

Besonders interessant finde ich, dass jährlich zwei neue Spiele hinzukommen sollen. Ich hoffe, es ist dann auch noch eines dabei, das mich weder zu Tode erschreckt noch mich in der Gegend herumballern lässt. Dann komme ich gerne wieder. Der Liebste hält es sicher nicht so lange aus und wird demnächst Jagd auf ein paar Zombies machen.

Preislich liegen die Anvio-Spiele übrigens bei 80 bis 120 Euro für 30 Minuten Spielzeit, je nach Uhrzeit und Tag, aber unabhängig von der Teamgröße. Mehr Informationen findet Ihr auf der Webseite.

Gruselt Ihr Euch gerne? Dann lest auch mein Interview mit Ioulia und Max von Anotherworld VR. Ihr neues VR-Spiel Pagan Peak VR vereint Horror, Mystery und Escape Room.

Schön aussehen ist nicht so wichtig, das Erleben zählt! © VR Geschichten/ Pola Weiß
Schön aussehen ist nicht so wichtig, das Erleben zählt! © VR Geschichten/ Pola Weiß

Veröffentlicht von Pola Weiß

#Diplom-Psychologin #Filmtante #Kino-Binge-Gängerin #Fernseh- und Online-Redakteurin ## Ich liebe gut erzählte Geschichten, egal wo. Während meiner spannenden Arbeit als Medienarbeitsbiene (u.a. für SWR und arte) bin ich auf die unglaubliche Welt von Virtual Reality gestoßen. 2017 habe ich schließlich VR Geschichten gegründet und entdecke seitdem von Berlin aus die unendlichen VR Weiten.

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