Virtual Worlds beim Filmfest München: VR an der Isar

Das Filmfest München hat Virtual Reality für sich entdeckt! Ja, sind das nicht schöne Neuigkeiten: noch ein internationales Filmfestival, das sich für dieses neue und faszinierende Medium öffnet. Die VR-Sektion heißt Virtual Worlds und glänzte mit einer vielfältigen Auswahl an VR-Erfahrungen und einem Wettbewerb. Da musste ich natürlich vorbeischauen.

Aus i4c wird Virtual Worlds

Virtual Reality als Veranstaltung ist in München nicht neu. Angefangen hat alles mit der VR-Konferenz i4c, einer seit 2016 vom Bayerischen Filmzentrum und Partnern organisierten, jährlichen Veranstaltung.

Was schon letztes Jahr mit einer Zusammenarbeit begann, hat sich dieses Jahr vollends umarmt: Unter dem neuen Namen „Virtual Worlds“ schlüpfte die i4c als eigenständige Reihe unter die wohlwollenden Schwingen des internationalen Filmfests München, des nach der Berlinale zweitgrößten Filmfestivals Deutschlands.

Virtual Worlds: Als Ausstellungsraum für die VR-Erfahrungen diente das Isarforum. © VR Geschichten/ Pola Weiß
Als Ausstellungsraum für die 35 VR- und 360-Grad-Erfahrungen diente das Isarforum. Morgens, kurz bevor sich die Türen für das Publikum öffnen, ist es noch ruhig. © VR Geschichten/ Pola Weiß

So hatten dessen Besucher*innen neben Kinobesuchen und Star-Stalking auch die Möglichkeit drei Tage lang, vom 2. bis zum 4. Juli, in immersive Welten zu schnuppern. Dafür konnten sie sich im Vorfeld auf der Webseite Zeitfenster für ihren Besuch im Isarforum reservieren. Das Ganze war übrigens gratis – was sicher zum Erfolg beigetragen hat: Laut Filmfest waren alle der über 3000 Tickets ausgebucht.

Und jetzt ratet mal, wer unter all den VR-Enthusiasten, Filmprofessionellen, Tech-Nerds, VR-Neulingen und Neugierigen war… Ganz richtig, eine etwas übermüdete Bloggerin aus Berlin (6-Uhr-Flug sei Dank), die sich dennoch voller Tatendrang ins Getümmel stürzte.

Ich habe es so gar in dieses schöne Video geschafft: In Minute 2:11 seht ihr mich, wie ich den grandiosen und zum Schreien komischen Film Animalia Sum von Bianca Kennedy und The Swan Collective zum ersten Mal sehe.

Besondere Ehre für die Felix & Paul Studios

Auch wenn ich bereits viele der von Astrid Kahmke, Kreativ-Direktorin des Bayerischen Filmzentrums, sorgfältig ausgewählten VR-Erfahrungen kannte, traf ich auf einige Überraschungen.

Da war zum Beispiel die VR-Retrospektive. Geehrt wurden die preisgekrönten Felix & Paul Studios aus Québec, eine der weltweit führenden Produktionsfirmen für VR-Filme und -Dokumentationen. Über ihren wunderbaren Film Miyubi habe ich vor einiger Zeit einmal berichtet.

Man lasse sich das einmal auf der Zunge zergehen: eine Retrospektive für ein Medium, das die meisten Menschen eher vom Hörensagen kennen dürften (wenn überhaupt). Durch diese mutige Tat konnten die Besucher*innen sehen, wie sich die Arbeit von Felix & Paul über die Jahre verändert hat – und mit ihnen die Art des Geschichtenerzählens der ganzen Branche. Ein schönes Interview mit den beiden Gründern ist dazu auf der Webseite von Virtual Worlds zu finden.

Szenenbild aus der Felix & Paul Produktion Cirque Du Soleil: Dreams of O'. © FILMFEST MÜNCHEN 2019
Szenenbild aus der Felix & Paul Produktion Cirque Du Soleil: Dreams of O‘. © FILMFEST MÜNCHEN 2019

Miyubi war zwar nicht zu sehen (der Film ist 40 Minuten lang!), dafür aber 14 andere Projekte der Felix & Paul Studios, darunter die Cirque du Soleil-Reihe und die zweiteilige Dokumentation Space Explorers. Besonders angetan hat es mir aber ihre neuste Dokumentation: Traveling While Black.

Traveling While Black bringt neue Impulse für dokumentarisches Erzählen in 360-Grad

Der 360-Grad-Film erzählt von einem in den 30er-Jahren veröffentlichen Buch: The Green Book. Es war ein Reiseführer für Afroamerikaner und listete Restaurants, Hotels und viele andere Geschäfte auf, in die Afroamerikaner überhaupt einkehren durften und in denen sie nichts zu befürchten hatten. Traveling While Black spielt in so einem sicheren Zufluchtsort: dem in den USA sehr bekannten Imbiss, Ben’s Chili Bowl in Washington.

Dabei schlägt der Film die Brücke in die USA von heute, in denen es noch längst nicht egal ist, welche Hautfarbe man hat. Was die Dokumentation für mich so besonders macht, sind vor allem die Szenen, in denen die Protagonisten einfach nur erzählen.

Denn sie sprechen nicht zum Publikum, in keine Kamera – sondern miteinander. Ein Mann erzählt seinem Neffen, wie es damals war, zwei ältere Damen sitzen sich gegenüber und sprechen von früher. Ich fühlte mich, als sei ich Teil ihrer Gemeinschaft, ein stiller Zaungast, eingeladen zum Mittagessen.

Dieses Setting ermöglichte, dass die Protagisten viel natürlicher erzählten. Sie sprachen direkter und es fiel auch Kamera-Ungeübten leichter, wie mir Félix Lajeunesse in einer kurzen Unterhaltung verriet. Neben dieser Besonderheit bietet die Dokumentation noch einige andere spannende Elemente, Ihr könnt sie Euch auf den Oculus-Plattformen ansehen oder, für alle ohne passende Brille, bei der New York Times.

Virtual Worlds: Die Füße hochlegen konnte man in der ein oder anderen Box auch.... © VR Geschichten/ Pola Weiß
Die Füße hochlegen konnte man in der ein oder anderen Box auch…. © VR Geschichten/ Pola Weiß

Weitere Highlights bei Virtual Worlds

Die Ausstellungen zeigte natürlich nicht nur Felix & Paul-Produktionen. Zu sehen war eine für so einen Neuaufschlag erstaunliche Bandbreite verschiedener VR- und 360-Grad-Erfahrungen. Als Gastland war Frankreich auserkoren und mit sieben Erfahrungen im Wettbewerb präsentiert. Zur Begründung hieß es sehr treffend in der Ankündigung:

„Französische Kreative gehören zu den Pionieren in „Virtual Reality“, zahlreiche bahnbrechende Werke entstanden von oder unter Mitwirkung von französischen Talenten. Schon früh haben dort aber auch Industrie, Wirtschaft und Politik das Potential verstanden und VR als neue Technologie, neues Medium und neue Kunstform massiv gefördert.“

Gloomy Eyes

Apropos Frankreich: Besonders gefreut hatte ich mich auf Gloomy Eyes. Nein, keine neue Kajal-Marke, sondern ein Animationsfilm in Roomscale VR und eine internationale Koproduktion von 3dar und Partnern. Darunter ist auch Atlas V, einer der mittlerweile führenden französischen Produktionsfirmen für immersiven Content. Ich war ja schon sehr angetan vom ersten Teil ihres VR-Films BattleScar (und kann dieses Jahr in Venedig hoffentlich endlich die Fortsetzung sehen, heureka!).

In Gloomy Eyes geht es um einen kleinen Zombie, der ziemlich böse ist – und doch noch ziemlich menschlich. Zu meinem Bedauern war auch hier wieder nur das erste Kapitel zu sehen.

Wie bei dem VR-Spiel Moss schaute ich den dunklen Figuren von oben beim Herumwuseln zu. Interaktiv ist Gloomy Eyes allerdings nicht, stattdessen läuft die Geschichte in hohem Tempo und mit viel Bewegung ab. Colin Farrell führt als Erzähler aus dem Off hindurch. Sehr vielversprechend, ich hoffe, ich kann Euch bald mehr erzählen, wenn die übrigen Kapitel zu sehen sind.

2nd Step

Auch andere Projekte haben mich begeistert. Aus Deutschland stammt beispielsweise 2nd Step: From Moon to Mars and Beyond, produziert von Faber Courtial und dem ZDF (auf deren Seite man das 360-Grad-Video auch sehen kann), unter Mitwirkung der ESA.

Virtual Worlds: In 2nd step fliegen wir nicht nur zum Mond, sondern blicken auch in unsere (mögliche?) Zukunft. © FILMFEST MÜNCHEN 2019
In 2nd Step fliegen wir nicht nur zum Mond, sondern blicken auch in unsere (mögliche?) Zukunft. © FILMFEST MÜNCHEN 2019

Weltraum-VR-Erfahrungen gibt es mittlerweile viele, gute wie schlechte. Doch 2nd Step besticht durch Original-Archiv in Kombination mit CGI-Szenen, wissenschaftliche Fakten und große Bilder, die, unterlegt mit klassischer Musik, erhabene Kino-Momente erzeugen. Dabei vermischt der Film bereits geschehene Ereignisse – hallo, Mond! – mit einem Ausblick auf unsere mögliche Reise zum Mars in der nahen Zukunft.

Inside Tumucumaque

Ebenfalls aus Deutschland stammt Inside Tumucumaque, unaussprechlich für deutsche Zungen (zumindest für meine) und benannt nach einem Naturreservat in Brasilien. Dort können die Spieler*innen den Regenwald wahlweise aus der Sicht eines Kaimans, einer Fledermaus, eines Froschs, einer Harpiye (ein großer Greifvogel) oder – da habe ich ängstlich gequiekt – einer haarigen Spinne erleben. Die Grafik erinnert ein wenig an einen Instagram-Filter und ist sicher Geschmackssache, trotzdem ist diese VR-Erfahrung sehr empfehlenswert.

Denn man muss darin keineswegs zwischen der dritten und der ersten Person hin und her springen, um sich „in der Haut“ der Tiere zu fühlen – ein Wechsel, der naheliegend gewesen wäre, mich aber jedes Mal in hohem Bogen aus der Immersion katapultiert, wann immer ich in VR-Erfahrungen das zweifelhafte Vergnügen habe…

Stattdessen wendet Inside Tumucumaque eine clevere Idee an: Mit einem Klick auf den Controller konnte ich die Welt genau so sehen, wie das jeweilige Tier sie wahrnimmt: farblos, verzogen, verlangsamt oder, im Falle der Harpiye, gar in Slow-Motion… Die Erzählweise blieb in der dritten Person – das Tier kroch oder flog weiterhin neben mir – doch es fühlte sich an, als sei ich selbst zum Artgenossen geworden.

Live Stream From Yuki <3

Mit Perspektiven spielt auch der 360-Grad-Spielfilm Live Stream From Yuki <3 aus Taiwan. Es geht um Yuki, eine junge Frau, die ihren Social Media Followern live aus ihrem Leben erzählt. Diese geben ihr nicht nur die erhoffte Selbstbestätigung….

Virtul Worlds: Live Stream from Yuki <3 ist ein live-action gedrehter 360-Grad-Film mit kleinen animierten Elementen. © FILMFEST MÜNCHEN 2019
Live Stream from Yuki <3 ist ein live-action gedrehter 360-Grad-Film mit kleinen animierten Elementen. © FILMFEST MÜNCHEN 2019

Was harmlos anfängt, wird im Nu zu einem unheimlichen Kurz-Drama. Es ist das Drehbuch, das den Film so gelungen macht. Denn er bietet – und das finde ich leider noch immer selten in VR – einen richtigen Schluss, ein Ende, das überrascht und zum Nachdenken einlädt.

Regisseur Tsung-Han Tsai spricht in diesem Video über den Film, der leider aktuell nur auf Festivals zu sehen ist.

Von drei anderen wunderbaren Projekten, A Fisherman’s Tale, Blautopf VR und Ello habe ich übrigens noch längere Reviews geplant. Deswegen seien sie hier nur am Rande erwähnt. Geduld, Geduld…

Die Preisträger bei Virtual Worlds

Wie es sich für ein Festival mit einem Wettbewerb gehört, gab es natürlich auch eine internationale Jury. Diese konnte sich bei Virtual Worlds tatsächlich sehen lassen: CEO und Gründerin der Pariser Produktionsfirma Lucid Realities, Chloé Jarry, stimmte ab zusammen mit Myriam Achard, Kuratorin für Virtual Reality am bekannten Montrealer Museum und Kulturzentrum Phi Center, und keinem Geringeren als Colum Slevin, Head of Media für VR- und AR-Erfahrungen bei Facebook.

Panel bei Virtual Worlds und dem Filmfest München © VR Geschichten/ Pola Weiß
Félix Lajeunesse (2.v.r.) und Martin Enault (2.v.l.) sprechen auf einem Panel über die letzten 5 Jahre Felix & Paul. Zwei der Jurymitglieder, Myriam Archard und Colum Slevin (r.), sind auch anwesend. © VR Geschichten/ Pola Weiß

Was für Colum Slevin eine gute VR-Erfahrung ausmacht, erzählt er dem Virtual Worlds-Team in einem Interview:

… auf einer grundlegenden Ebene suchen wir nach etwas, das ein Gefühl von Präsenz, ein Gefühl der Verortung und der Immersion hervorruft. Und manchmal, je nach Thema, auch Empathie. Wenn ich eine Kreatur verkörpere, die nicht ich selbst ist, stellt sich die Frage: Wie gut funktioniert das? Ich suche darüber hinaus auch nach Künstlern, die das unendliche räumliche Potenzial des Mediums nutzen und damit experimentieren – und eben nicht nur Techniken anwenden, die sie aus dem Filmemachen kennen.“ – Colum Slevin

Räumliches Potenzial zeigt das von mir geliebte und bereits auf allen großen VR-Plattformen erhältliche VR-Puzzle A Fisherman’s Tale auf kreative und erzählerisch überzeugende Weise. Dafür heimste es bei Virtual Worlds auch gleich zwei Auszeichnungen ein: den Preis als beste interaktive Erfahrung und den Hauptpreis als beste immersive Arbeit.

Zur besten linearen Erfahrung kürte die Jury den 360-Grad-Film Accused #2: Walter Sisulu. In schwarz-weißen 2D-Animationen wird der Rivonia-Prozess aus den 60-er Jahren erlebbar, in dem Nelson Mandela und seine Mitstreiter verurteilt wurden.

Dabei verwendet der Film Original-Tonaufnahmen des Verfahrens. Die Animationen zeigen auch eine schöne Prise Humor, die das ansonsten so ernste Thema sehr viel zugänglicher macht. Beide Preisträger-Projekte sind übrigens Arte-Koproduktionen. Ab dem 25.8.2019 ist Accused #2 daher auch auf den Plattformen von Arte zu finden.

Preisträger bei Virtual Worlds: In Accused #2 streitet sich Walter Sisulu, langjähriges ANC-Mitglied und Mentor von Nelson Mandela, mit Staatsanwalt Percy Yutar. © FILMFEST MÜNCHEN 2019
In Accused #2 streitet sich Walter Sisulu, langjähriges ANC-Mitglied und Mentor von Nelson Mandela, mit Staatsanwalt Percy Yutar. © FILMFEST MÜNCHEN 2019

Und das, liebe Freunde des schlechten Wortspiels: Das waren meine Erlebnisse zwischen ISAR und VR.

Fazit: Eine schöne Ausstellung mit Potential zu Großem

Am zweiten Tag fanden neben der Ausstellung übrigens noch ein B2B-Markt mit einigen interessanten Pitches und eine 1-Tages-Konferenz zu immersiven Inhalten statt. Beide waren Teil des „Professional Day“, der Virtual Worlds somit um ein Netzwerk-Event bereichern konnte.

Insgesamt war ich überrascht, wie viele verschiedene Genres und Macharten in der VR-Ausstellung gezeigt wurden. Dabei waren sowohl roomscale VR-Setups als auch zwei kleinere 360-Grad-Kinos aufgebaut. Aufwendige Installationen waren verständlicherweise noch nicht dabei, aber das kann ja noch werden. Die Auswahl der Redner und der Jury versprühte jedenfalls schon den Charme und die Größe eines internationalen VR-Events.

© FILMFEST MÜNCHEN 2019 Ronny Heine
© FILMFEST MÜNCHEN 2019 Ronny Heine

Ob die Sektion so nächstes Jahr wieder stattfinden wird, konnte mir das Filmfest noch nicht bestätigen. Man wolle aber weiter an Virtual Reality festhalten und könne im Herbst mehr dazu sagen, wie sich die Reihe in den kommenden Jahren gestalten werde. Ich drücke die Daumen und hoffe, wir sehen uns nächstes Jahr wieder!

VIRTUAL WORLDS wurde präsentiert vom Bayerischen Filmzentrum und dem Internationalen FILMFEST MÜNCHEN mit Unterstützung des Bayerischen Staatsministeriums für Digitales, dem Creative Europe Desk München, der Französischen Botschaft in Deutschland, dem Institut Francais, dem Regierungsbüro Quebec in München, SODEC (Société de développement des entreprises culturelles). Als Sponsoren waren Epic Games und Unreal Engine dabei.

Korrektur: In einer früheren Version habe ich von einem Krokodil und einem Adler gesprochen bei Inside Tumucumaque. Die sehen zwar auch böse und gefährlich aus, in Wahrheit handelt es sich aber um einen Kaiman und eine Harpyie.

Veröffentlicht von Pola Weiß

#Diplom-Psychologin #Filmtante #Kino-Binge-Gängerin #Fernseh- und Online-Redakteurin ## Ich liebe gut erzählte Geschichten, egal wo. Während meiner spannenden Arbeit als Medienarbeitsbiene (u.a. für SWR und arte) bin ich auf die unglaubliche Welt von Virtual Reality gestoßen. 2017 habe ich schließlich VR Geschichten gegründet und entdecke seitdem von Berlin aus die unendlichen VR Weiten.

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