Interaktive Filme in 360-Grad

360-Grad-Filme bedeuten für viele VR-Fans vor allem eines: zuschauen statt mitmachen. Und am Anfang ist man ja auch ganz zufrieden mit einer passiven Rolle. Doch je mehr Zeit ich in den Brillen verbringe, desto mehr wünsche ich mir, ein Teil der Geschichte zu werden. Dann ertappe ich mich bei kleinen Marotten: Ich nicke, tippele im Raum herum, lache, spreche oder gestikuliere vor mich hin. Nur, um dann zu merken: „Ach, das funktioniert hier ja gar nicht.“ Etwas frustrierend ist das schon. Anscheinend ging es nicht nur mir so, denn es gibt sie: interaktive Filme in 360-Grad. Einige besonders schöne habe ich für Euch in diesem Artikel zusammengestellt – darunter mein absolutes Highlight 2017!

VR-Erfahrungen sind nicht einfach nur interaktiv oder nicht-interaktiv, nicht nur linear oder non-linear. Zwischen Schwarz und Weiß gibt es eine ganze Menge Grau. Und genau dort passiert seit einiger Zeit richtig Spannendes in Bezug aufs Storytelling! Dabei gilt: Je mehr Interaktion, desto aktiver müssen die User sein. Manchmal kann man nur ein Knöpflein drücken, im Kontrast dazu hat man in Open World Games wie „Fallout 4 VR“ quasi unbegrenzte Macht. Go for it.

Lässt man Spiele aber mal links liegen und begibt sich in die Welt der interaktiven VR-Filme, so kann man auch hier grob unterteilen in zwei Sorten: Filme in der „richtigen“ virtuellen Welt und interaktive Filme in 360-Grad. Tatsächlich sind die meisten interaktiven Film-Experimente bislang für Mobile VR produziert.

Wenn Euch interessiert, was in Punkto Erzählweisen genau der Unterschied zwischen einem interaktiven Film und einem Game ist, dann lest meinen Artikel zu diesem Thema. Dort grabe ich mich ein bisschen tiefer in die Theorie ein.

360-Grad-Filme mit interaktiven Elementen

Im Vergleich zu VR-Filmen lassen 360-Grad-Filme ihren Zuschauern weniger Freiheiten (mehr dazu in den Grundlagen). Neben der eingeschränkten Beweglichkeit beinhalten sie meistens eine ziemlich überschaubare Anzahl an interaktiven Elementen.

Aber mal ehrlich: Wenn die Geschichte fesselt, dann wird man nicht weniger in die Welt hinein gezogen, nur weil man nicht darin herumspazieren kann. Klassische Filme ohne einen Hauch VR sind der beste Beweis dafür. Ein bisschen anders ist das bei Möglichkeiten zur Interaktion. Sie können durchaus mehr Immersion schaffen, wenn man die richtige Interaktion in der richtigen Situation einsetzt. Wie das gehen kann? Seht selbst:

Asteroids!

Worum geht es?

„Asteroids!“ ist der zweite Animations-VR-Film der Baobab Studios, die bereits mit dem entzückenden Kurzfilm „Invasion!“ auf sich aufmerksam gemacht haben. In der Fortsetzung „Asteroids!” trifft man die beiden außerirdischen Fünf-Füßler Mac und Cheez wieder und geht mit ihnen auf Mission ins All. Dort müssen sie und ihr kleiner Roboter-Hund Peas sich mit allerlei Ungemach herumschlagen, unter anderem – Spoiler! – mit einem Asteroiden. Sehr witzig und liebevoll gestaltet.

Wo kann man es erleben?

Es gibt die nicht-interaktive Cardboard-Version in der Baobab-App für Android und iOS. Die interaktive Vollversion ist bislang für die Samsung Gear und Daydream erschienen (ich habe es in der Gear gespielt und kann es nur empfehlen).

Welches sind die interaktiven Elemente?

Als Zuschauer schlüpft man in die Haut – nein, nicht des Hundes – eines Roboters. Die Interaktion geschieht mittels markierter Flächen, die man mit dem Blick fixieren muss, während man auf die Gear-Schaltfläche klickt (bzw. den kleinen Controller nutzt). Ganz am Anfang soll man beispielsweise den kleinen Hund aus seinem Käfig lassen. Für jegliche Beteiligung am Spiel gilt: Die Figuren fordern den Spieler/die Spielerin auf zu helfen, man muss aber nicht unbedingt mitmachen. So kann man helfen – oder auch stur nichts tun.

Die Macher sagen dazu:

„Instead of passing control of the story to the viewer – something that could result in variable pacing and branching narratives – the viewer has the option, but not the requirement, to participate in the story.“ Quelle: Variety

Sie wollten also ganz bewusst keine verästelte Geschichte kreieren. Und genau da liegt meiner Meinung nach auch der Haken. Obwohl mir das Mitmachen sehr großen Spaß gemacht hat und ich es als sehr viel immersiver erlebt habe als einen Trickfilm ganz ohne Interaktion: Am Ende ist völlig egal, ob man etwas tut oder nicht. Die Reaktionen der drei sind gleich, die Geschichte bleibt unverändert.

David Liu erklärt diese Entscheidung:

„So instead of branching storylines, we are dealing with branching emotions – both in terms of how the character relates to the viewer emotionally as well as how the viewer might feel based on the choices she has made.“ Quelle: s. oben

So ganz funktioniert das das bei mir nicht, beim zweiten Mal Spielen habe ich eine teuflische Lust am Nichtstun entwickelt, nur um zu schauen, was passiert… Trotzdem eine klare Empfehlung. Macht unbedingt auch die Tour durchs Raumschiff. Zum Totlachen.

The Turning Forest

Schon etwas älter, aber immer noch erlebenswert ist dieser Kurzfilm. Mit der BBC hat sich 2016 eines der ganz traditionsreichen Medienhäuser auf das Abenteuer ins Unbekannte eingelassen. Ähnlich wie das vorherige Beispiel ist „The Turning Forest“ komplett computer-generiert und eine interaktive 360-Grad-Erfahrung.

Worum geht es?

Erzählt wird die Geschichte eines kleinen Jungen, eine Kindheitserinnerung. Er trifft in einem Wald ein wunderliches Wesen und bald beginnt eine geheimnisvolle Reise.

Wo kann man es erleben?

Sehen könnt Ihr die Experience mit der hauseigenen App, allerdings nur im GooglePlay-Store. Ich habe es mir mit der Samsung Gear angeguckt, wo es die App ebenfalls im Store gibt.

Was ist das Interessante?

Klarer Fokus liegt bei diesem Film auf der Ton-Ebene, eigentlich ist es fast ein Hörspiel. Durch Spatial Sound scheinen die Klänge um einen herum zu sein – wie in der wahren Welt. Jedes Geräusch kommt aus einer anderen Richtung. Ein Knurren von hinten, man dreht sich um – und siehe da, dort steht ein Tier. Auf dieser Seite erfahren alle Ton-Enthusiasten mehr über den Sound und wie genau er produziert wurde.

Welches sind die interaktiven Elemente?

Das Schöne an „The Turning Forest“ ist, dass die interaktiven Elemente völlig spielerisch funktionieren und nicht groß erklärt werden müssen. Die Mechanik ist sehr einfach: Wie bei „Asteroids!“ und „Notes on Blindness“ (s. weiter unten) steuert man mittels Blick. Dort, wo man hinschaut, ist ein kleiner weißer Punkt und zieht eine Spur aus fliegenden Blättern hinter sich her, das hilft der Orientierung. Allerdings muss man keine Schaltfläche berühren, um etwas zu aktivieren, sondern kann ganz unmittelbar ohne dieses „mechanische“ Zutun mit der Umgebung spielen. Auch dabei dreht sich alles um Töne: Man macht Musik mit der Natur. Vögel flattern mit einem „Ping“ auf. Delphine springen aus dem Wasser und spielen einen Dreiklang. Zähne werden zum Xylophon.

So hübsch und liebevoll diese Spielereien auch sind, sie verändern nicht den Verlauf der Geschichte. Zwar wird den Usern am Anfang genügend Zeit gelassen, die Mechanik auszuprobieren. Im Laufe der Erfahrung lenken sie jedoch immer wieder von der eigentlichen Erzählung ab. Manchmal wünscht man sich eine kurze Pause, um noch etwas länger mit den Delphinen, den Vögeln und dem Monster spielen zu können.

Notes on Blindness

Fast schon ein „Klassiker“ im VR-Business, zumindest in Europa, denn 2016 hat „Notes on Blindness“ hier eine steile Festival-Karriere hingelegt.

Worum geht es?

Der Autor und Theologe John Hull verlor in den 80er Jahren langsam sein Augenlicht. Seine Erlebnisse und Empfindungen hat er in einem Audio-Tagebuch beschrieben. Die VR-Experience und der gleichnamige Film basieren auf diesen Aufzeichnungen. Es sind insgesamt sechs Szenen, die der Frage nachgehen: Wie fühlt es sich an zu erblinden?

Wo kann man es erleben?

Ihr könnt Euch die App auf so ziemlich jedes Smartphone laden und mit dem Cardboard anschauen. Zusätzlich gibt es die Erfahrung auch in der Arte360-App. Ich weiß nicht, ob es an meiner Cardboard-Brille oder meinem Handy lag, oder ob ich einfach eine zu alte Version geladen habe, aber bei beiden Versionen konnte ich die interaktiven Elemente nicht bedienen. Deutlich runder und in einer viel besseren Qualität läuft es, wenn man die Samsung Gear nutzt gar oder die Oculus-Brille. Dann wird es magisch.

Was ist das Interessante?

So ziemlich alles. Die ganze Erfahrung ist computer-generiert. Ganz ähnlich zu „The Turning Forest“ und „Asteroids!“ ist es eine 360-Grad-Erfahrung mit einigen interaktiven Elementen. Und wie „The Turning Forest“ lenkt auch „Notes on Blindness“ die Aufmerksamkeit auf die Ton-Ebene. Allerdings ist die Spielzeit sehr viel länger.

Welches sind die interaktiven Elemente?

Von insgesamt sechs Kapiteln – oder Szenen – sind drei interaktiv. In einer kann man beispielsweise mittels Blick und Schaltfläche der Gear einen Windstrom erzeugen. In den anderen Szenen reicht der Blick aus. Es ist sehr intuitiv und die interaktiven Elemente sind noch mehr in die Geschichte eingebettet, als dies bei „The Turning Forest“ der Fall ist. Das sieht man auch daran, dass die Stimme aus dem Off meistens erst weiterliest, wenn man mitmacht. Das ist nicht so bevormundend, wie es vielleicht klingt. Denn tatsächlich ermöglicht erst diese Mechanik, sich in aller Ruhe umzusehen und sich sein eigenes Tempo zu suchen. Die interaktiven Elemente verändern zwar nicht den Verlauf der jeweiligen Szene, aber die ganze Experience ist szenisch angelegt. Das heißt, man kann die Szenen entweder von vorne bis hinten durch sehen, oder eine eigene Reihenfolge wählen.

Miyubi

Hier ist es: mein VR-Highlight 2017. Produziert von einem der ganz großen Player im VR-Film-Business, den experimentierfreudigen Felix & Paul Studios aus Kanada.

Wo kann man ihn sehen?

„Miyubi“ ist mit rund 40 Minuten der längste VR-Film, den ich kenne. Das ist großartig, hat aber auch einige Tücken. So habe ich im Sommer 2017 tagelang und mit zunehmender Verzweiflung versucht, ihn auf der  Samsung Gear zu gucken. Die App kann man im direkt im Gear-Store finden, kein Problem. Aber da der Film so lang ist, ist auch das File verdammt groß. Selbst, wenn man genügend Speicher hat, und selbst, wenn man es tatsächlich schafft alles herunterzuladen – spätestens beim Abspielen wird die Gear schlapp machen. Mein Maximum waren 15 Minuten, bis mir das Telefon unmissverständlich klarmachte, dass es jetzt, sofort, ohne jede Verzögerung, zu heiß sei und eine Abkühlung brauche. Und so ging es dann weiter… Umso größer meine Freude, dass es „Miyubi“ jetzt auch für die Oculus Rift gibt. Halleluja. Also kauft Euch eine, leiht sie Euch, bestecht Freunde, die eine haben… Es lohnt sich sehr!

Worum geht es?

Der Film ist nicht animiert, sondern richtig gedreht, mit viel Liebe zum Detail und wunderbaren Schauspielern. Die Geschichte spielt irgendwann in den 80ern in den USA. Dort lebt eine leicht verrückte, ansonsten aber sehr durchschnittliche Familie: mit Vater, Mutter, drei Kindern und dem schon recht verwirrten Großvater. Mittendrin ist Roboter Miyubi, den der Vater als Überraschung für seine Kinder aus Japan mitgebracht hat. Als Zuschauer steckt man im Roboter-Körper (was eine eingeschränkte Beweglichkeit im 360-Grad-Film sehr logisch erklärt). So erlebt man durch die Roboter-Augen den alltäglichen Familien-Wahnsinn und bekommt schnell zu spüren, was so alles schief läuft.

Welches sind die interaktiven Elemente?

Es sind eigentlich nur vier Elemente, und die auch etwas versteckt. Indem man drei Hinweise findet, die man mit dem Blick fixieren und so „einsammeln“ muss, wird eine zusätzliche Szene freigeschaltet. Dort wiederrum gibt es den Verweis für eine weitere Bonus-Szene. Wie man dort hinkommt, verrate ich lieber nicht im Detail – aber es ist nicht mit Blicken, sondern via Kopfbewegungen. So kann man sich, völlig unabhängig von der Stelle im Film, immer wieder in diese Zusatz-Szene katapultieren.

Was ist das Interessante?

Neben dem tollen Spiel der Schauspieler und der berührenden Geschichte: ganz klar die Idee, zusätzliche Szenen parat zu haben und sie in die Geschichte einzubauen. Die Technik dahinter kann erkennen, wo der Zuschauer hinschaut, und entsprechend dazu verschiedene Geschichts-Teile aktivieren. „Miyubi“ ist zwar noch ein 360-Grad-Film. Trotzdem zeigt er schon ganz deutlich, was in Zukunft auch von „richtigen“ VR-Filmen erwartet werden kann.

VR Noir

Auch mein nächstes Beispiel ist so ein Film, der zeigt, was zukünftig möglich sein wird. Und dabei stammt er aus dem Jahr 2016, was fast ein halbes Jahrhundert in der VR-Welt ist.

Worum geht es?

Die ehemalige Polizistin Veronica Coltrane arbeitet als Privatdetektivin. Das Geld ist knapp und so nimmt sie einen neuen Fall an, obwohl der ihr von Anfang an merkwürdig erscheint. Als Zuschauer spielt man Veronica und versucht, den Fall zu lösen.

Wo kann man es erleben?

Am besten mit der App in der Samsung Gear, da es dort am meisten Spaß macht. Zum Ausprobieren geht es aber auch wunderbar mit einem Cardboard und der App aus dem Google Play oder dem App Store.

Welches sind die interaktiven Elemente?

Die Detektivin und ihre ganze Umgebung ist größtenteils real. Per Blick oder wahlweise mittels der Schaltfläche kann man mitspielen und Indizien sammeln, sich einen Zeitungsartikel an der Wand näher ansehen oder mit dem Fernglas die Fenster des Hauses gegenüber absuchen. In einem Gespräch kann man sich sogar zwischen mehreren Antwort-Möglichkeiten entscheiden und so „sprechen“.

Was ist das Interessante?

Je nachdem, für welche der Antworten im Dialog man sich entscheidet, werden verschiedene Szenen aktiviert! Das heißt, man hat für einen kurzen Moment tatsächlich die Möglichkeit, die Geschichte zu verändern. Das ist in keiner der bisherigen Erfahrungen möglich. Allerdings ist dieser zaghafte Ausflug in die Non-Linearität noch sehr kurz: am Ende läuft es auf die gleiche Anschluss-Szene hinaus. Und doch, was wäre, wenn man diese Mechanik ausbauen würde…? Ansonsten ist VR Noir sehr vom klassischen „flachen“ Film beeinflusst: Mal wird aus der First-Person-, mal aus der Third-Person-Perspektive erzählt, es gibt Zwischensequenzen aus übereinander gelegten 2D-Videos. Interessanterweise tut das der Immersion keinen Abbruch. In diesem Interview verrät der Autor mehr zu seiner Herangehensweise.

Zu meinem großen Bedauern ist der Film nur die erste Episode eines ursprünglich als sechsteilige Serie geplanten Projektes. Mehr Episoden gibt es derzeit nicht. Auf meine Nachfrage hin teilte mir die Produktionsfirma Start VR aber mit, dass sie hoffe, zukünftig weitere Folgen produzieren zu können.

Ich drücke die Daumen!

Veröffentlicht von Pola Weiß

#Diplom-Psychologin #Filmtante #Kino-Binge-Gängerin #Fernseh- und Online-Redakteurin ## Ich liebe gut erzählte Geschichten, egal wo. Während meiner spannenden Arbeit als Medienarbeitsbiene (u.a. für SWR und arte) bin ich auf die unglaubliche Welt von Virtual Reality gestoßen. 2017 habe ich schließlich VR Geschichten gegründet und entdecke seitdem von Berlin aus die unendlichen VR Weiten.

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