Wolves In The Walls: Immersives Theater wird virtuell

In New York konnte ich beim Tribeca Film Festival jede Menge Virtual Reality-Erfahrungen ausprobieren. Zu meinen Favoriten aus diesem Jahr gehört ohne Zweifel Wolves In The Walls. Der VR-Animationsfilm ist dramaturgisch so interessant, dass ich ihm gleich drei Artikel widme. Im ersten geht es um Interaktivität im Allgemeinen. In diesem zweiten Artikel gehe ich auf einige der Interaktionen näher ein. Dabei spielt immersives Theater eine überaus wichtige Rolle.

„An Wolves In The Walls zu arbeiten, war, als würde man zur gleichen Zeit einen Film drehen, ein Game entwickeln und ein Theaterstück inszenieren.“ – Pete Billington 

Immersives Theater in New York

Letztes Jahr hatten mein Liebster und ich das Glück, drei ganze Monate im Big Apple verbringen zu dürfen. Diese Zeit hat Euch meine Artikel zum Tribeca Film Festival 2018 und ein Interview bei der New York Film Academy beschert. Andere Erlebnisse habe ich Euch bislang jedoch verschwiegen…

In New York war ich nämlich auf einer geheimen Mission. Ich hatte zuvor schon viel von einer neuen, in Deutschland noch wenig verbreiteten Theaterform gehört, die ich unbedingt erleben wollte: immersives Theater. Also ergatterte ich sündhaft teure Karten für die beiden berühmtesten immersiven Stücke, die die Stadt zu bieten hat: Sleep No More und Then She Fell.

Immersives Theater in New York City: Sleep No More © VR Geschichten
In Sleep No More müssen die Zuschauer Masken tragen, während sie das düstere McKittrick-Hotel erkunden. © Pola Weiß/ VR Geschichten

Während wir uns im ersten durch vier Etagen eines gruseligen 30er-Jahre-Hotels kämpften, konnte ich im zweiten einen sehr intimen Einblick in Leben und Werk des großen Lewis Carroll, Schöpfer von „Alice im Wunderland“, gewinnen.

Ja, ihr habt richtig gelesen: Wir sind durch das Hotel hindurch gelaufen. Immersives Theater ist eine Form des Theaters, bei dem das Publikum nicht brav auf seinen Plätzen sitzt und den Schauspielern auf einer Bühne zuschaut. Stattdessen muss es aktiv werden.

Oft wandern die Zuschauer alleine oder in Grüppchen durch unterschiedliche Räume eines Gebäudes. Sie bewegen sich so selbst von Szene zu Szene, haben eine Rolle und finden – wenn es gut läuft – eine Geschichte.

Immersives Theater in New York: Then She Fell © VR Geschichten
Ein ganz normales Haus in Brooklyn: Doch geht man durch diese Tür, ist man in der verrückten Welt von Then She Fell. © Pola Weiß/ VR Geschichten

Auch Hand anlegen ist erlaubt: Mal sind es Schubladen und Schrankfächer, die man durchwühlen kann, mal muss man einem Schauspieler helfen, einen Brief zu schreiben, mal schaut man zu, tanzt oder trinkt Cocktails an der Bar. Letzteres war die Rolle meines Lebens! Doch warum erzähle ich Euch das alles?

Das Tribeca Film Festival wird zur Bühne

Ein Jahr später. Ich bin zurück in New York. Etwas nervös stehe vor einer schwarzen Box in der Virtual Arcade, der VR-Ausstellungsfläche des Festivals. Der Eingang der Box ist von einem Vorhang verdeckt. Gleich werde ich ein kleines Theaterstück sehen, was ich zu diesem Zeitpunkt aber noch nicht weiß.

Ein Blick von außen: Wolves In The Walls beim Tribeca Film Festival 2019. © Pola Weiß/ VR Geschichten
Ein Blick von außen: Wolves In The Walls beim Tribeca Film Festival 2019. © Pola Weiß/ VR Geschichten

Endlich kommt eine junge Frau hinter dem Vorhang hervor, lächelt mich an und lässt mich eintreten. Im Inneren ist es dunkel, ich erkenne schemenhaft ein paar Boxen in der Ecke und Jacken, die an der Wand hängen. „Bist Du bereit für eine Geschichte?“, fragt mich die Frau. Und wie!

Sie nimmt eine der Kisten und kramt darin herum. Zum Vorschein kommen Videokassetten, DVDs, ein Buch und – zum Schluss – zwei Oculus Touch-Controller. Im Laufe der Zeit hätten die Menschen Geschichten auf alle möglichen Arten erzählt, erklärt mir die Frau, während sie alles bis auf die Controller wieder in die Kiste zurück packt und nach einer VR-Brille greift. Langsam verstehe ich.

Wolves In The Walls ist immersives Theater in VR

Die Frau ist Schauspielerin und dafür da, meinen Übergang von der echten Welt in die virtuelle so fließend wie nur möglich zu gestalten. Gleichzeitig ist es aber auch ein Wink mit dem Zaunpfahl. Denn Wolves In The Walls, die 20-minütige VR-Erfahrung von Fable Studio, die ich gleich erleben werde, ist so stark vom immersiven Theater inspiriert wie kaum ein anderer VR-Film zuvor.

Wolves In The Walls wurde von einem interdisziplinären Team geschaffen, was an sich nicht ungewöhnlich für VR ist. Doch neben Filmemachern und Game Designern kam noch eine dritte Expertise hinzu: niemand Geringeres als die Theatertruppe Third Rails Projects, die mit ihrem Theaterstück Then She Fell seit Jahren enorme Erfolge in New York feiert.

Pete Billington, Regisseur von Wolves In The Walls, schreibt im Online-Magazin No Proscenium, was die Zusammenarbeit so einzigartig gemacht hat:

„Zwei Punkte, die durch eine Linie verbunden sind: Das waren wir. Film auf der linken Seite, Videospiel auf der rechten, immer ziehend und zerrend, instabil. Immersives Theater stieß als dritte Säule dazu. Durch die Verbindung der drei Punkte wurden wir zu einer Triangel. Das Theater brachte die noch fehlenden Werkzeuge, die Sprache, die wir brauchten, um die großen Fragen zu beantworten.“  Quelle: No Proscenium

Beim Tribeca Film Festival habe ich die Gelegenheit, ihn nach mehr Details zu fragen.

Beziehungen aufbauen durch Körpersprache und Interaktion

Die gesamte Geschichte von Wolves In The Walls basiert auf der Verbindung zwischen mir und Hauptperson Lucy. Damit wir eine Beziehung zueinander entwickeln können, ist eine Sache unabdingbar: Ich brauche eine Rolle, die ich fühlen und leben kann. Ähnlich zu Jack, meinem Highlight aus dem letzten Jahr, gelingt es auch Wolves In The Walls mit Bravour, dem Publikum einen Platz in der Geschichte zuzuweisen.

Wie sie das anstellten, erklärt mir Pete:

„Wir wussten, wir würden nur sehr wenig Zeit haben, ein Vertrauen zu Lucy aufzubauen. Dafür hatten wir drei Ideen. Eine davon war, dass sie dich gleich groß wie sich selbst erschafft. Und das macht sie auf eine sehr positive Weise. Zuerst ließen wir sie sagen: ‚Oh, Du bist zu groß.‘ Doch das fühlte sich an, als wäre etwas falsch mit einem. Also änderten wir den Satz zu ‚Ich hab Dich wohl zu groß gezeichnet.‘ Wenn man ihr dann Auge in Auge gegenüber steht, fühlt es sich an, als sei man ein Teil von ihr.“

Natürlich gehört auch Blickkontakt mit Lucy dazu, davon habe ich schon berichtet. Der zweite Trick ist sogar noch ein wenig cleverer. Es ist eine kleine Verschwörung: „Du hast es doch auch gehört? Sag schon, Du hörst es!“ ruft mir Lucy zu und wiederholt es noch einmal im Flüsterton. So teilen sie und ich ein Geheimnis miteinander, wir wachsen enger zusammen.

Bewegung, Bewegung!

Die Truppe Third Rail Projects arbeitet in ihren immersiven Inszenierungen viel mit Tanz. Das machte sich das Wolves In The Walls-Team für ihre dritte Idee zunutze:

„Tänzer sind immer in Bewegung und das ist etwas ganz anderes, als eine Geschichte für die Leinwand zu schreiben. Weil wir uns im Raum verorten. Lucy bewegt sich um dich herum, du willst ihr folgen und dadurch fasst sie Vertrauen zu dir. Sie legt sich sogar auf den Rücken und schaut dich an. Das ist eine sehr verletzliche Position, die eine Verbindung schafft. Die Idee ist, dass sie dir vertraut, wodurch du ihr vertraust. Und dann macht ihr euch gemeinsam auf die Reise.“

Das gelingt: Als sich Lucy so auf den Boden legt wie eine kleine Katze, weckt das in mir einen Instinkt. Ich will sie nun noch mehr beschützen vor den Wölfen – oder was immer da in den Wänden knurrt.

Auch sonst geht es fast immer um Bewegung. Immer wieder rückt Lucy absichtlich ein Möbelstück direkt vor mich, oder versperrt mir mit irgendetwas den Blick auf die aktuelle Szene. Das verwundert mich zunächst, doch ich tue es ab als kindliche Neckerei. Allerdings steckt mehr hinter diesen kleinen Störungen, wie Pete erläutert:

„Deine Bewegungen bewirken, dass du dich mehr mit dem Stück auseinandersetzt. Ob du es merkst oder nicht: Wenn wir dich zwingen, um eine Ecke herum zu spähen, dann willst du umso dringender sehen, was passiert. Du wirst noch neugieriger. Wir stellen Dinge mit Absicht in deinen Weg, um dich dazu zu bringen, dich zu bewegen. Oder wir lassen Lucy in die Hocke gehen, damit auch du dich hinkauerst und ihr so näher bist. Alle diese Techniken stammen vom Theater ab.“

Wolves In The Walls ist immersives Theater in Virtual Reality
Und noch ein dramaturgisches Mittel aus dem Theater: das Spiel mit Licht und Schatten. © Fable Studio

Licht als Storytelling-Element

Auch Licht und Schatten spielen im Theater eine große Rolle. Das Licht von Scheinwerfern für VR zu nutzen ist nicht neu, Google hat sogar ein eigenes Studio danach benannt. Doch trotzdem sei, wie Pete sagt, in VR-Filmen immer wieder ein Fehler gemacht worden:

„Theaterbeleuchtung war etwas, das wir lernen mussten. Ich denke, wann immer in den letzten fünf Jahren eine Geschichte in Virtual Reality erzählt werden sollte, fühlten wir uns versucht, die kompletten 360 Grad mit Bildern zu füllen. Und dann brach Panik aus: ‚Wie sollen wir denn kontrollieren, wohin die Zuschauer schauen?‘. Theater hat dafür schon seit Hunderten von Jahren eine Lösung: Man leuchtet die Stelle an, auf die das Publikum schauen soll.“

In Wolves In The Walls geht die Beleuchtung allerdings über den Scheinwerfer-Effekt hinaus: Immer wieder wechselt das Licht. Manchmal sitzen Lucy und ich im Dunklen, nur sie und eine Wand sind im Licht und dadurch sichtbar. So bleibt mir gar nichts anderes übrig, als mich auf diese Szene zu konzentrieren. Doch schon in der nächsten Sekunde erhellt sich der ganze Raum und ich kann mich umsehen. Eine ähnliche Technik hat schon der Film BattleScar im letzten Jahr gezeigt.

Pete kann es poetischer formulieren:

„Wir nehmen uns die Zeit und beleuchten jeden Augenblick. Und dann geben wir dir die Welt.“

Hier gibt’s mehr zum Thema

In meinem nächsten – und letzten – Artikel wird es um diese Welt gehen: Wie kreiert eigentlich Emotionen in VR? Bleibt gespannt.

In diesem Artikel von 2018 findet Ihr noch mehr Beispiele, wie man Schauspieler in eine VR-Erfahrung integrieren kann: Wie sich Virtual Reality und Theater in Venedig fanden.

UPDATE August 2019: Die ersten beiden Kapitel Wolves In The Walls: It’s All Over sind jetzt im Oculus Store verfügbar für Oculus Rift und Rift S (Early Access).

Veröffentlicht von Pola Weiß

#Diplom-Psychologin #Filmtante #Kino-Binge-Gängerin #Fernseh- und Online-Redakteurin ## Ich liebe gut erzählte Geschichten, egal wo. Während meiner spannenden Arbeit als Medienarbeitsbiene (u.a. für SWR und arte) bin ich auf die unglaubliche Welt von Virtual Reality gestoßen. 2017 habe ich schließlich VR Geschichten gegründet und entdecke seitdem von Berlin aus die unendlichen VR Weiten.

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