Venice VR: Auf welche VR-Erfahrungen ich mich am meisten freue

Nach meiner Reise zum Tribeca Film Festival werde ich dieses Jahr auch zu den Internationalen Filmfestspielen von Venedig fahren. Jippih. Sie sind so altehrwürdig, wie sie klingen, tatsächlich ist es das älteste Filmfestival der Welt. Virtual Reality ist zwar erst seit letztem Jahr dabei, soll aber trotzdem eine der besten VR-Ausstellungen sein. Ich habe mir das diesjährige Programm von Venice VR einmal genauer angeschaut. Hier kommt ein kleiner – und hemmungslos persönlicher – Vorgeschmack.

Der Ort klingt ziemlich extravagant: eine kleine Insel vor Venedig namens Lazzaretto Vecchio. Dorthin kommt man nur per Boot und ich bin schon sehr gespannt, wie leicht (oder auch schwer) es werden wird, dort einen Platz zu ergattern. Jedenfalls finde ich es sehr faszinierend, dass die LaBiennale Organisation ein so neues und innovatives Medium wie VR ausgerechnet auf eine so alte Insel setzt. Schon im Mittelalter hat man dorthin die Pestkranken geschickt und (mehr oder weniger) bis zu ihrem Tod gepflegt. Ich bin ja unter normalen Umständen schon der größte Angsthase bei Horror in VR, aber dort könnte es auch ohne VR-Brille ein wenig gruselig werden…

Venice VR: Eine Mischung aus Installationen, Roomscale VR und 360-Grad-Filmen

Das Programm von Venice VR ist ziemlich gemischt. Um der großen Bandbreite ein wenig Herr zu werden, sind sämtliche VR-Projekte in zwei Gruppen eingeteilt: in interaktive und in lineare VR-Erfahrungen. Im Wettbewerb konkurrieren die Projekte entsprechend um den Preis ihrer Kategorie. Das ist der Preis für die beste interaktive VR-Erfahrung (11 Nominierungen) und derjenige für die beste lineare VR-Erfahrung (19 Nominierungen). Kategorien-übergreifend wird zusätzlich noch der Preis für die beste immersive Geschichte verliehen werden.

Um ihn geht es: den berühmten Löwen. © LaBiennale
Um ihn geht es: den berühmten Löwen. © LaBiennale

Neben dem dramaturgischen Kriterium (interaktiv oder linear) sind die Projekte übrigens auch noch in drei Präsentationsformen eingeteilt, was aber nichts mit den Preisen zu tun hat: VR Theater, Stand-Up und Installation. In dem VR Theater können mehrere (sitzende) Personen zugleich 360-Grad-Filme mit einfacheren Brillen sehen. Etwas ganz ähnliches gab es auch beim Tribeca Festival. Am komplexesten sind die Installationen: Dort soll laut Ankündigung mit Objekten aus der realen, physischen Welt und sogar mit Live-Schauspielern experimentiert werden. Auch Multiplayer-Erfahrungen müssten dann bei den Installationen zu finden sein.

Doch genug der Theorie. Welche Werke werden denn konkret gezeigt? Hier eine kleine und persönliche Auswahl der VR-Erfahrungen, auf die ich mich am meisten freue:

Interaktives

Da ich ja schon so begeistert war von Jack: Part One, bin ich natürlich am gespanntesten auf The Horrifically Real Virtuality. Das ist laut den beiden Kuratoren Liz Rosenthal und Michel Reilhac die aufwendigste und größte der diesjährigen Installationen. Besonders interessant ist es aber vor allem deswegen, weil die Regisseurin Marie Jourdren letztes Jahr mit Alice schon in Venedig war. Das hatte sie zusammen mit Mathias Chelebourg gemacht und es war wie auch Jack eine Theaterinstallation mit echten Schauspielern. Auch wenn ich Alice nicht gesehen habe – ich erhoffe mir ähnlich Großartiges von der diesjährigen Installation (siehe auch dieses Vorab-Video). Sie wird übrigens beeindruckende 40 Minuten dauern laut Programm. Auf ihrer Website gibt die Produktionsfirma DVgroup noch ein paar mehr Infos: Die Geschichte ist angelehnt an die Lebensgeschichte von Filmregisseur Ed Wood (Star der VR-Erfahrung: sein Geist!). Es um einen Film, der gerade gedreht wird und droht, ganz und gar in die Hose zu gehen. Die Teilnehmer der VR-Erfahrung werden in kleinen Gruppen durch die 70 Quadratmeter große Installation geführt und können selbst am Dreh teilnehmen. Ich hoffe, das wird beim Venice VR Festival genauso möglich sein. Und bitte bitte, lieber Festival-Gott: Lass die Warteliste nicht zu lang werden!

The Horrifically Real Virtuality © DVgroup
Regisseur und Stars werden den Film zum Kassenschlager machen! Und wenn die nicht, dann die Hand. © DVgroup

Ähnlich interessant wie The Horrifically Real Virtuality könnte auch Eclipse werden – und stammt auch aus Frankreich. Der Beschreibung nach ist es ein Multi-Player-Escape-Room-Space-Abenteuer (ja, genau: wow!). Und als wären das noch nicht genügend Bindestriche, soll das Ganze noch in „4D“ sein. 4D – das habe ich bereits einmal in New York im Kino erlebt: Bei einem immersiven Filmchen wurde ich jeweils passend zur Situation mit Wind angeblasen, in den Rücken gehauen oder mit Wasser bespritzt. Wenn Eclipse etwas in dieser Art wagen sollte, freue ich mich schon sehr auf die überraschten Schreie (mich eingeschlossen).

Erwähnenswert ist definitiv auch noch, dass die neuste Folge der Reihe Spheres bei Premiere feiert – in umgekehrter Reihenfolge. In Venedig wird erstmals Folge 1 gezeigt, während ich die dritte Folge mit Patti Smith als Sprecherin bereits beim Tribeca Festival gesehen habe. Das war dort zwar ganz cool (Weltraum und so!), umgehauen hat es mich jedoch ehrlicherweise nicht. Vielleicht bin ich aber auch einfach eine totale Kulturbanausin. Denn schließlich wurde die Reihe schon Anfang des Jahres für eine sieben-stellige Summe verkauft! Toll bei Venice VR ist jedenfalls, dass dort das erste Mal alle drei Folgen am Stück geschaut werden können.

Vielversprechend klingt ebenfalls A Discovery of Witches – Hiding in Plain Sight. Das ist ein fiktionaler VR-Film, bei dem man die gesamte Geschichte aus den Augen je einer der beiden Hauptfiguren erleben kann. Ich finde Perspektivwechsel in VR ja eh klasse und bin gespannt, ob die VR Erfahrung da neue erzählerische Impulse setzen kann. Sie gehört übrigens zu der gleichnamigen Sky-Fantasy-Serie, die bald anlaufen soll und sich wie eine Mischung aus Harry Potter und True Blood anhört.

Natürlich darf ein Projekt bei den interaktiven VR-Projekten keinesfalls vergessen werden: Genau, es geht um Kobold von der Berliner Firma AnotherWorld VR. Das schöne Projekt habe ich in einem früheren Artikel schon einmal vorgestellt und könnte mir wirklich keinen passenderen Ort für die Premiere vorstellen!

Ein paar Fragezeichen im Kopf habe ich bei Awawena. Es ist eine VR-Dokumentation über eine Schamanin im Amazonas, eine der ersten Frauen, die diesen Job machen. Regie geführt hat Lynette Wallforth, die mit ihrem 360-Grad-Film Collisions letztes Jahr einen Emmy gewonnen hat. Ich muss zugeben, dass mich Collisions vom filmischen Aspekt her nicht sonderlich beeindruckt hat (bei JAUNT könnt ihr euch ein eigenes Bild machen). Trotzdem behandelt Awawena ein wirklich interessantes Thema und ist einen genaueren Blick allemal wert. Wie genau Awawena interaktiv gestaltet sein wird, habe ich den vorab veröffentlichten Informationen noch nicht so ganz entnehmen können. Aber es geht wohl um 3D-Scans im Dschungel und spirituelle Reisen – ich werde es euch berichten!

Lineares

Ich sehe mich schon wie ein Kind mit nackten Füßen in einer Pfütze herumspringen. Ich übertreibe nicht – das könnte vielleicht wirklich passieren: bei dem Projekt X-Ray Fashion. In dem Film geht es um Mode im 21. Jahrhundert. Von Ausbeutung bei der Produktion hin zu unserer leichtfertigen Wegwerf-Mentalität und den daraus resultierenden Bergen ausgemusterter Kleidung. Damit sich das Publikum auch wirklich so fühlt, als sei es vor Ort, werden die Teilnehmer barfuß auf verschiedene Materialien geführt. An diesem Projekt sieht man im Übrigen auch, dass die Präsentationsformen bei Venice VR nicht an die dramaturgischen Kategorien gebunden sind. Es kann durchaus eine linear erzählte Installation geben.

Geich zwei Projekte im Wettbewerb von Venice VR widmen sich dem Thema Tanz: Half Life VR und Ballavita. Half Life VR wird nur als Kurzform gezeigt und klingt erst einmal nicht so spektakulär: eine Ballett-Inszenierung gefilmt in 360-Grad. Allerdings haben die Tänzer sie speziell für die Kamera aufgeführt und die Zuschauer sind so mitten im Geschehen. Außerdem verspricht die Ankündigung so viele Kamerawinkel und -Bewegungen wie noch nie bei einer VR-Produktion. Wer würde das nicht sehen wollen?

Ballavita von Amilux Film hingegen ist ein Spielfilm mit Tanzszenen und der ganz erstaunlichen Länge von 30 Minuten. Ein bisschen Fantasy ist auch noch dabei, denn es geht um Maria, eine junge Tänzerin, die von einem bösen, alten Mann in eine fremde Welt gelockt wird. Ich durfte bei verschiedenen Veranstaltungen in Berlin bereits ein paar Szenen probe-gucken und freue mich deswegen umso mehr darauf, endlich die ganze Geschichte erleben zu können.

Szene aus dem Film Ballavita, der bei Venice VR 2018 Premiere haben wird © Amilux Film
Szene aus Ballavita © Amilux Film

In eine fremde Gedanken-Welt geht es auch in Mindpalace VR, genauer: in den Kopf eines geliebten Menschen. Dort wird sichtbar, was nicht immer ausgesprochen wird, einschließlich düsterer Geheimnisse und wilder Gefühle. Viel mehr konnte ich im Voraus auch nicht in Erfahrung bringen. Allerdings ist der computer-generierte VR-Film das neue Projekt von Dominik Stockhausen (hier in Ko-Regie mit Carl Krause), der 2016 mit Sonar bereits ein beachtliches 360-Grad-Erstlingswerk hingelegt hat. Grund genug für mich, den Film unbedingt sehen zu wollen. Das Ganze ist übrigens Made in Baden-Württemberg.

In der immer gut vertretenen Gruppe der animierten Kurzfilme gibt es bei Venice VR einige große Namen. Zum einen feiert endlich der neue Film der Baobab Studios in seiner finalen Version Weltpremiere. Baobab Studios – das waren die mit den beiden wundervollen Filmen Asteroids! und Invasion! In Crow: The Legend, ihrem neuen Werk, spricht Oprah Winfrey keinen geringeren als Gott (oder so?) und Musiker John Legend die Hauptperson, den kleinen Vogel. Auch Google stellt eine neue ihrer Spotlight Stories vor: Age of Sail ist laut Google mit 12 Minuten der bislang längste Film der Spotlight Reihe. Er erzählt die Geschichte eines Mädchens, das von einem alten Fischer vor dem Ertrinken gerettet wird und fortan bei ihm lebt.

Bei den Animationsfilmen sollte man übrigens auf keinen Fall The Great C vergessen. Es ist eine in Roomscale VR* umgesetzte Kurzgeschichte von Science Fiction-Legende Philip K. Dick. Ich habe vor Kurzen bei VR World mehr darüber geschrieben. Ohne großen Namen, aber nicht minder interessant, scheint der Film Fresh Out aus China zu sein. Ich habe keine Ahnung, um was es genau geht. Außer, dass darin animierte – somit sprechende – Karotten vorkommen. Als Zuschauer wird man anscheinend sogar selbst zu einer und muss sich vor den karottenfressenden „Monstern“ von oben schützen! Wie genial ist das denn bitte?!

Fresh Out von Sam Wey und Fangchao Tao © Sandman Studios
Fresh Out von Sam Wey und Fangchao Tao © Sandman Studios

Auch im Bereich der dokumentarischen Projekte freue ich mich auf einige ganz besonders. Natürlich ist da Home After War der Berliner Firma Now Here Media, über das ich bereits berichtet habe (damals noch unter dem Arbeitstitel Walk With Me). Doch da war er noch nicht fertig und ich kann es kaum erwarten, das Projekt endlich selbst zu erleben. Neben dem eindrucksvollen Trailer gibt es übrigens auch ein sehr berührendes Making-of-Video, das die Schwierigkeiten, aber auch schöne Momente bei der Produktion zeigt. In aller Kürze: Es geht darin um Bomben, die der IS bei seinem Rückzug aus dem irakischen Ort Fallujah zurückgelassen hat. Wahre Todesfallen sind sie und bringen Menschen, die vor dem Krieg geflohen sind und nach und nach in die Heimat zurückkehren, um ihre Häuser oder um ihr Leben. Interessant an dem Projekt ist, dass es eben nicht „nur“ in 360-Grad gedreht ist, sondern die Produzenten die Orte originalgetreu gescannt haben für Roomscale VR. Ich werde die Häuser also selbst betreten können – ein ganz schön beklemmendes Gefühl.

Die zwei anderen dokumentarischen Projekte integrieren beide Material, das ursprünglich gar nicht für VR gedacht war. In Made This Way: Redefining Masculinity geht es um das Lebensgefühl und den Alltag von Transgender-Männern. Dabei kombiniert der Film normale, „flache“ Fotografien mit volumetrisch gefilmten Szenen, wenn ich das richtig verstanden habe. In 1943: Berlin Blitz vom BBC VR Hub wird Archiv-Tonmaterial aus dem zweiten Weltkrieg zu neuem Leben erweckt. Damals saß BBC-Journalist Wynford Vaughan Thomas in einem der Flugzeuge, die Bomben über Berlin abwarfen, und kommentierte das Geschehen live.

Außer Konkurrenz

Neben den 30 Projekten im Wettbewerb zeigt Venice VR sechs Projekte, die im Laufe des letzten Jahres besonders erwähnenswert oder erfolgreich waren. Zumindest in den Augen der Kuratoren, aber ich finde die Auswahl wirklich sehr bemerkenswert. Darunter sind beispielsweise die beiden Filme Battlescar und Arden’s Wake: Tide’s Fall, die ich beim Tribeca-Festival bereits sehen konnte und vollkommen begeistert war (hier der ausführliche Bericht). Außer Konkurrenz läuft auch VR_I. Das habe ich tatsächlich noch nirgendwo gesehen und bin entsprechend neugierig. Es ist eine Installation des Schweizer Choreographen Gilles Jobin, in der mehrere Personen zusammen eine phantastische Welt betreten. Dort können sie (wenn sie denn wollen) miteinander reden und sogar tanzen. Wenn mich jemand tanzen sieht, glaube ich kaum, dass daraus irgendein kollaboratives Kunstwerk entsteht…. aber allen möglichen Peinlichkeiten zum Trotz werde ich das auf jeden Fall versuchen zu testen!

Wenn ihr euch selbst einen Überblick verschaffen wollt: Das komplette Venice VR Programm findet ihr auf der Seite der Biennale. Ich freue mich übrigens ganz besonders, dass ich mit Unterstützung von VRODO eine Presseakkreditierung bekommen habe. Ihr werdet also sowohl bei VRODO als auch hier mehr vom Venice VR Festival lesen können. Die VR Ausstellung geht am 30. August los und dauert bis zum 8. September.

*UPDATE 25.8.2018: In einer früheren Version habe ich The Great C als 360-Grad-Film beschrieben, was nicht korrekt ist. Der Film wurde für Roomscale VR umgesetzt und wird auf der Oculus Rift, HTC Vive und Playstation VR erscheinen.

Veröffentlicht von Pola Weiß

#Diplom-Psychologin #Filmtante #Kino-Binge-Gängerin #Fernseh- und Online-Redakteurin ## Ich liebe gut erzählte Geschichten, egal wo. Während meiner spannenden Arbeit als Medienarbeitsbiene (u.a. für SWR und arte) bin ich auf die unglaubliche Welt von Virtual Reality gestoßen. 2017 habe ich schließlich VR Geschichten gegründet und entdecke seitdem von Berlin aus die unendlichen VR Weiten.

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